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Kino

„Booksmart“: Ein musterschülerhafter Film über zwei Musterschülerinnen

(c) Polyfilm
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In dem gefeierten Regiedebüt von Olivia Wilde, haben zwei brave Mädchen die Nase voll vom Bravsein und hauen in der Nacht vor dem Abschluss auf den Putz. Das ist ein bisschen süß, ein bisschen witzig, aber leider nicht anarchisch genug.

Da wären also: ein Sohn aus reichem Hause, der einen Wagen mit dem Kennzeichen „Fuk Boi“ fährt und vor Partybesuchen gern Podcasts hört, in denen erfolgreiche, toughe Frauen zu Wort kommen – damit er nicht vergisst, seinen Mitschülerinnen respektvoll gegenüberzutreten. Ein Highschool-Casanova mit blondiertem Haar und der Tendenz, sich und andere lächerlich zu machen, indem er etwa aus Kondomen Wasserbomben bastelt. Ein ausgeflipptes Spät-Hippie-Exemplar. Und ein Mädchen, das alle nur Triple A nennen, weil es mit drei Burschen der Abschlussklasse geschlafen hat. Es lässt keine Feier aus – und wurde trotzdem in Yale aufgenommen. In Yale!

Und hier wird es kränkend, nämlich für Musterschülerin Molly, die Hauptfigur des Films. Vier Jahre lang hat sie die Nase in die Bücher gesteckt und hat sonst nicht viel gesehen von der Welt, hat sich immer korrekt verhalten, bis auf einmal, als sie den Ausweis gefälscht hat, um Zutritt zur Bibliothek zu erhalten. Alles für gute Noten. Und jetzt muss sie feststellen: Ihre vergnügungssüchtigen Mitschüler, sogar der Kondom-Wasserbomber, werden ebenfalls Elite-Unis besuchen. Wie? Warum? Wofür hat sie auf so vieles verzichtet? Und sie beschließt, gemeinsam mit ihrer ebenfalls ausgesprochen belesenen und verantwortungsbewussten Freundin Amy zumindest den allerletzten Abend vor dem Abschluss zu nutzen, um die Sau rauszulassen. Sie gehen auf eine Party!

Das ist der Ausgangspunkt des Films von Olivia Wilde, die bislang als Schauspielerin („Dr. House“, „Cowboys & Aliens“) erfolgreich war und mit „Booksmart“ ihr Regiedebüt vorlegt. Es wurde hochgelobt und viel gefeiert. Tatsächlich ist vor allem Beanie Feldstein als Molly ein komödiantisches Erlebnis. Tatsächlich sind manche Szenen wirklich süß, etwa wenn Amy in einem Anfall von Mut zum ersten Mal ein Mädchen küsst. Manches ist witzig (Masturbation mit Plüschpanda), manches rührt.

 

Pornos im Auto des Direktors

Aber dem Hype wird der Film nicht gerecht. Dazu ist er selbst zu musterschülerhaft. Während Autorinnen und Regisseurinnen wie Phoebe Waller-Bridge („Fleabag“) oder Kay Cannon („Sex-Pakt“) vorführen, wie anarchisch und im besten Sinn schockierend feministischer Humor sein kann, ist Olivia Wildes Film vor allem brav. Wie seine Hauptfiguren schlägt er nur sehr kontrolliert über die Stränge. Molly und Amy stolpern zwar von einem Schlamassel ins andere, sie landen etwa auf dem Weg zur Party im Auto ihres Schuldirektors, der sich nebenbei als Uber-Fahrer etwas dazuverdient, und schauen auf dem Rücksitz Pornos, um sich auf Allfälliges vorzubereiten, schließlich sind sie völlig unerfahren. Aber all diese Schlamassel, all die Fettnäpfchen, in die sie treten, wirken ausgedacht, konstruiert, als gäbe es keine wahre Untiefen in einem Teenagerleben, als täte enttäuschte Liebe nur ein paar Minuten weh und als müsste man nur erkennen, dass wahre Freunde das Wichtigste sind, und schon ist alles wieder gut. Und nein: Nicht in jedem Narzissten steckt in Wirklichkeit ein netter Kerl, der nur hinauswill. Eigentlich so gut wie nie.

Wirklich entzückend ist übrigens der Abspann. Und hier machen auch die Wasserbomben endlich Spaß.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2019)