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Echte Helden dürfen in Amerika nicht knien

Colin Kaepernick gibt den Protest nicht auf.
Colin Kaepernick gibt den Protest nicht auf.REUTERS
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Colin Kaepernick, Leitfigur des Hymnenprotests im US-Sport, bleibt auf Konfrontationskurs mit der NFL. Der 32-Jährige findet seit Jahren keinen Klub mehr, jetzt sagte er ein Liga-Training ab – das Comeback scheint damit geplatzt.

Riverdale. Der Zwist zwischen Colin Kaepernick und der National Football League geht auch nach dem Vorspielen des derzeit arbeitslosen Quarterbacks für einen neuen Job weiter. Der nach seinem Hymnenprotest „aussortierte“ Spielmacher, 32, und sein Management sagten eine von der Liga geplante Trainingseinheit kurzfristig ab und luden interessierte Teams stattdessen zu einem selbst organisierten Treffen. Die Liga zeigte sich in einer ersten Stellungnahme davon „enttäuscht“, Kaepernick hofft dennoch weiterhin auf eine Rückkehr in diesen Profisport.

„Ich bin seit drei Jahren bereit“, sagte der Quarterback, der 2016 eine Protestwelle zum Thema soziale Ungerechtigkeit, Polizeigewalt gegen Afroamerikaner und Rassismus in den USA gestartet hatte. Kaepernick kniete bei „The Star-Spangled Banner“ nieder – und das schlug in den USA hohe Wellen. Denn ausnahmslos jedes Sportevent wird mit der Hymne gestartet. Es polarisierte die Nation noch mehr, als sich auch US-Präsident Donald Trump zu Wort meldete, fehlenden Respekt einklagte und von der Liga rigorose Strafen verlangte.

„Wir warten auf die 32 Besitzer, 32 Teams und NFL-Commissioner Roger Goodell. Wir warten, dass sie aufhören wegzulaufen. Weglaufen vor der Wahrheit. Weglaufen vor den Menschen“, sagt Kaepernick, der sechs Jahre lang für die San Francisco 49ers gespielt und mit seinen Pässen dafür gesorgt hat, dass 2012 immerhin der NFC-Titel gewonnen worden ist. Dass er mit 181 erlaufenen Yards in bloß einem Spiel weiterhin der Quarterback-Rekordhalter der NFL ist, hat in dem Land, dem Sport-Statistiken für gewöhnlich fürwahr „heilig“ sind, keinen mehr, interessiert. Als er begonnen hatte, sich hinzuknien, und unzählige weitere Profis damit zu Protesten animiert hatte, verloren diese Zahlen für viele Amerikaner ihren Glanz.

Das Gezerre um die Trainingseinheit dokumentiert sogar, wie groß das Misstrauen in die jeweilige Gegenseite ist. Im Februar erzielten Kaepernick und die NFL eine außergerichtliche Einigung in ihrem Rechtsstreit, nachdem er die Liga wegen angeblich „unlauterer Absprache“ verklagt hatte. Seiner Ansicht zufolge soll es eine Übereinkunft geben, damit er seit 2017 keine Anstellung mehr bekommt. Wenngleich es keiner offiziell bestätigen will: Seitdem geht Kaepernick aber spazieren. Als sogenannter Free Agent.

 

Acht Klubs schickten Scouts

Sein Agent, Jeff Nalley, erklärte, die Liga hätte sich geweigert, dass Videoaufnahmen der Trainingseinheit öffentlich gemacht würden. Stattdessen zeigte er in einer rund 40-minütigen Trainingseinheit auf dem Gelände einer Highschool außerhalb Atlantas, was er kann. Der Super-Bowl-Teilnehmer von 2013 trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Kunta Kinte“, einer Figur aus dem Roman „Roots“, in dem die Geschichte der Sklaverei über mehrere Generationen hinweg erzählt wird. Laut Nalley verfolgten 250 Fans und Vertreter von acht NFL-Teams die Trainingseinheit. Angekündigt hatten sich aber 25 Klubs – damit wird Kaepernicks Rückkehr immer unwahrscheinlich. (fin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2019)