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Mit Federn, Haut und Haar

Mit den aussterbenden Arten verlieren wir lebenswerte Welt

Laut IUCN sind momentan im Schnitt 27 % aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, Tendenz steigend. Pro Tag verschwinden auf der Erde etwa 150 Arten.

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Vor zwei Wochen warnte ich an dieser Stelle vor dem Optimismus, die Erde könne nachhaltig 11 Milliarden Leute ernähren, zum Nulltarif für Biosphäre und Menschen. Und davor, dass wir schon die rettenden Technologien entwickeln würden, wenn es wirklich kritisch wird. Kritisch ist der Zustand der Biosphäre bereits heute, ohne dass wir über diese Technologien verfügen, oder auch bloß unseren Saus-und-Braus-Lebensstil ernsthaft ändern wollen. Das zeigen die klaren Veränderungen des Klimas und die biologische Degradation der Lebensräume, womit wir recht direkt die Grundlagen für die weitere, weltweite gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung vernichten. Bedauerlicherweise scheint sich der Irrtum rasch auszubreiten, Zivilisationsmenschen würden Natur zu ihrem Überleben nicht mehr brauchen.

Nein, kein bloßes Gejammere, die alarmierenden Zahlen zum Artensterben geben zu denken. Diese legte im Frühjahr 2019 der UN-Weltbiodiversitätsrat vor: Von den (konservativ) geschätzten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten unseres Planeten sind rund eine Million akut vom Aussterben bedroht. Kann dieser Trend im Interesse unserer Kinder und Enkel gestoppt und umgedreht werden? Um daran zu glauben, muss man offenbar bis zur Verblödung optimistisch bleiben. So appellierten heuer im Herbst die Experten der IUCN an die Weltgemeinschaft und forderten dringend wirksame Maßnahmen, um den dramatisch zunehmenden Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf wildlebende Arten entgegenzuwirken, bis 2030 das Aussterben zu stoppen und bis 2050 das Überleben aller bedrohten Arten sicherzustellen.

Laut IUCN sind heute im Schnitt 27 % aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, etwa 40 % der Amphibien, 33 % der Korallen und 30 % der Haie und Rochen. Man geht davon aus, dass pro Tag bis zu 150 Arten auf Nimmerwiedersehen verschwinden, der Großteil davon wurde noch nicht einmal wissenschaftlich erfasst. Diese Verlustrate ist mehr als tausendmal höher, als die übliche Rate des Aussterbens über die Erdgeschichte; natürlich mit Ausnahme katastrophaler Extinktionsereignisse, wie etwa dem Meteoriteneinschlag auf Yukatan, der vor 66 Millionen Jahren nicht nur die Saurier, sondern mit ihnen etwa 90 % der Arten auf der Welt vernichtete. Die modernen Menschen schaffen gerade wieder ein solches Ereignis, die momentane Aussterbensrate steigt stetig.

Der WWF ergänzt dazu in seinem „Living Planet Report“, dass seit 1970 über 4000 weltweit schwerpunktmäßig untersuchte Wirbeltiere in ihrer Häufigkeit um 60 % zurückgingen (oder verschwanden). Dafür stieg der Anteil der Rinder, Schweine, Schafe etc. an der Gesamtbiomasse der Landwirbeltiere der Erde auf 97 % – es bleiben also gerade mal 3 % für alle Wildtiere. Die Lage könnte dramatischer nicht sein. Ursache dafür ist, dass bereits 75 % der Landfläche und 66 % der Ozeane durch menschliches Wirtschaften nachhaltig verändert wurden, Tendenz stark steigend: Durch Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, illegale Jagd (auch in Österreich), durch illegalen Handel, durch unzureichende Entsorgung von Abfällen, durch Einschleppen gebietsfremder Arten, durch zunehmenden Klimawandel, durch die Ozeanversauerung etc.

Gott bewahre uns den Optimismus – denn die Biosphäre steht tatsächlich an der Kippe.

DER AUTOR

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i. R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2019)