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Böse Buben haben die Mama lieb

Selten ohne Sonnenbrille: Cloudrapper Bausa (links) und der von ihm entdeckte Apache 207.
Selten ohne Sonnenbrille: Cloudrapper Bausa (links) und der von ihm entdeckte Apache 207.(c) Two Sides
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So hart sich die deutschen Cloudrapper geben, ihre Mütter halten sie in Ehren. Das gilt für Bausa wie für den von ihm entdeckten Apache 207, der ihn bereits überholt.

Alles, was ich tue, ist für dich. An erster Stelle kommst du, und irgendwann danach komm ich. Alles, was ich will, ist ein Lächeln in deinem Gesicht, ja, ja, ja, ja, Mama, ich bin im Radio.“ So spricht der deutsche Rapper Julian Otto vulgo Bausa auf seinem aktuellem Album „Fieber“.

Ja, ja, so hart sich die Burschen des Cloudrap geben, so exzessiv sie über Bitches und Drogen rappen, ihre Mamas lassen sie hochleben. Auch der Wiener Yung Hurn, mit dem Bausa das Duett „Vorbei“ aufgenommen hat. Am offenkundigsten im Stück „Mama“, wo es heißt: „Ich tu nie wieder Drogen dealen, Mama, ich will, dass du mich liebst.“ Und auch der aktuelle, von Bausa entdeckte Charts-Überflieger Apache 207, dessen Lied „Roller“ binnen kürzester Zeit 75 Millionen Zugriffe auf Spotify hatte, weiß eine rührende Geschichte von der Mama zu erzählen. Sie spielt im Plattenbauviertel von Ludwigshafen. Dort fällt der armen Mutter ein Glas Nutella auf den Boden und zerbricht. Im selben Moment rauscht ein dicker Mercedes vorbei – und der kleine Apache schwört sich, seiner Mama dereinst so ein Auto zu besorgen . . . Das tat er tatsächlich. Auf Instagram präsentierte er das Foto.

 

Konkurrenz aus dem Vorprogramm

Was sagt Bausa, selbst aus dem Erziehungsheim geflogen, über diese Mutterliebe des Cloudrap? „Es war für mich einfach fällig, mal was an meine Mutter zu richten“, brummelt er lapidar im Gespräch mit der „Presse“. Er hat derzeit andere Sorgen. Vor zwei Jahren war er mit „Was du Liebe nennst“ – neun Wochen auf Platz eins der deutschen Charts – der neue Star. Nun aber ist es der von ihm entdeckte Apache 207, derzeit (noch?) im Vorprogramm. Was bei Tourneebeginn für Unstimmigkeiten gesorgt hat. Apache-Fans schrien in Bausas Show lang nach Zugaben. Das musste geregelt werden. In Wien durfte Apache 207 ein Lied mehr singen, und als weitere Konzession holte ihn Bausa noch zur eigenen Zugabe. Gemeinsam gaben sie den Apache-207-Hit „Roller“, und das Publikum rastete nochmals aus.

Ähnlich wie bei den vier Nummern, die Apache 207 im Vorprogramm bestritt: Rollende Licks, geschmeidige Bewegungen à la Snoop Dogg. Langer-Lulatsch-Groove. Der sich als urbaner Winnetou 2.0 inszenierende Deutsche mit türkischen Wurzeln heißt mit bürgerlichem Namen Volkan Yaman und hat gar Matura. Keine Sorge, das merkt man seiner Kunst nicht an. Er setzt lieber auf edle Einfalt und Sozialromantik. Lässig präsentierte er „Brot nach Hause“, „200 km/h“ und seine Nummer-eins-Hits „Roller“ und „Kein Problem“, die mit einem Mix aus Achtzigerjahre-Sounds und Rapbeats punkten.

Im Trend sind auch Coverversionen von üblen Eighties-Hits. Capital Bra feierte mit „Cherry Lady“ (sic!) die Modern-Talking-Tanzschmonzette „Cheri Cheri Lady“; Bausa tat sich mit Rin zusammen, um die Powerballade „Du trägst keine Liebe in dir“ von Echt aufzufrischen. Geschmacksverirrungen, von der Jugend halbironisch gefeiert.

 

Der Klang aus dem Plattenbau

Auffällig ist, dass im Cloudrap mittlerweile mehr gesungen als gerappt wird. Bausa mit seiner charismatischen, tiefen Stimme ist einer der Protagonisten dieses Trends. Live versicherte er sich einer Band mit konventionellen Instrumenten, produzierte sich selbst zeitweilig als tapsiger Keyboarder und als One-Trick-Pony-E-Gitarrist. Was ihn aber ausmacht, ist sein erdiger Gesang. Seine Melodien sind rau, aber herzlich. Das ist der Sound der Peripherie, der Klang einer Sozialisierung im Plattenbau.

Beleuchtete Hochhäuser dominierten das Bühnenbild. Und „Nacht“ hieß einer dieser Songs, die die böse Straße mit der heiligen Mama zusammendachten. „Der Mond scheint durch die Jalousie, Mama, heute hast du Angst um deinen Sohn.“ Der hat sich beim Straßenapotheker, wie der Dealer beschönigend genannt wird, Medizin geholt. Das Ergebnis? Er sitzt seit 48 Stunden hellwach und gleichzeitig besoffen in einem Wagen mit offenem Verdeck . . .

Aber Bausa, der sich gern „Baui“ nennen lässt, hatte auch positivere Szenarien zu bieten. Besonders schön war das groovig-soulige „Fieber“, das mit englischem Text gut ein internationaler R&B-Hit sein könnte, besonders bejubelt wurden das an den Ginuwine-Hit „Pony“ erinnernde „So laut“ sowie das mit Publikumschor kräftig ausgebaute „Was du Liebe nennst“. Mit den Worten „Ich bin Baui, vergesst das nie!“ ging Bausa ab. Der Mann hat eine gewisse Ahnung von der Vergänglichkeit der eigenen Hits. Sympathisch.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2019)