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Migranten scheitern am Schulsystem

Symbolbild Schule
(c) FABRY Clemens
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Schon in der Volksschule sind mehr als die Hälfte aller Zuwandererkinder lernschwach. Sozial Schwache mindern die Leistung der gesamten Klasse, so ein Expertenbericht.

Wien. Es ist ein Ergebnis, das den Gesamtschulgegnern in der aktuellen politischen Debatte in die Hände spielt: In Klassen mit einem großen Anteil an Kindern aus sozial schwächeren Schichten leidet die Leistung aller Schüler – zu diesem Schluss kommt das BIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung) im finalen nationalen Expertenbericht zur TIMSS-Studie, die im Vierjahresrhythmus in 36 Ländern Leistungen der Volksschüler in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften misst.

Die Kernpunkte der knapp 270 Seiten starken Analyse, die das BIFIE drei Jahre nach der letzten Erhebung 2007 nun vorgelegt hat: Migranten fallen mit ihrer Lernleistung schon in der Volksschule weit hinter Einheimische zurück.

Und: Zeigt sich bei einem Migrantenanteil von bis zu 30 Prozent in einer Klasse keine negative Auswirkung auf die Leistung der Mitschüler, erbringen bei einem höheren Anteil „augenscheinlich sowohl Migranten als auch Einheimische schlechtere Leistungen“, so die Studienautoren. Zurückzuführen sei dies darauf, dass viele Migranten zugleich in die Gruppe der sozial schwachen, bildungsfernen Schüler fallen – der eigentlich entscheidende Faktor. Davon betroffen sind vor allem Schulen in Wien und in Ballungszentren der Bundesländer.

Generell schnitten die österreichischen Schüler – befragt wurden 4900 Kinder aus der vierten Klasse Volksschule – zuletzt nicht gut ab. Die Migranten fallen nochmals hinter diese Leistungen zurück. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Differenz zwischen den durchschnittlichen Testergebnissen der beiden Gruppen. In Mathematik liegt Österreich im Ländervergleich im letzten Drittel, bei Naturwissenschaften auf dem letzten Platz.

Stereotype verunsichern Mädchen

Während in der Befragung gesamt 16 Prozent der Schüler Migrationshintergrund haben, liegt ihr Anteil bei jenen mit Leistungsschwäche in Mathematik bei 27 Prozent; bei Naturwissenschaften sogar bei 36 Prozent. In beiden Bereichen weist – anders gerechnet – mehr als die Hälfte der Migranten eine Lernschwäche auf. Und zwar, obwohl sie tendenziell größere „Schulfreude“ aufweisen als Einheimische.

Bei Schülern aus sozial niedrigen Schichten sind rund 40 Prozent leistungsschwach. Statistisch lassen sich diese Zusammenhänge nur schwer erklären, heißt es beim BIFIE. Viele Migranten seien jedenfalls durch ihre oft schwierige ökonomische Situation beeinträchtigt, sagt BIFIE-Chef Josef Lucyshyn zur „Presse“. Sie könnten sich private Fördermaßnahmen oft nicht leisten – oder seien sich gar nicht bewusst, wie wichtig diese seien.



Ähnlich beunruhigend sind laut Studie die Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Burschen: Während es im EU-Schnitt keine statistisch relevanten Abweichungen gibt, liegen in Österreich in beiden Bereichen die Buben klar vor ihren Mitschülerinnen. Schuld daran seien tradierte Rollenbilder und „geschlechtsspezifische Stereotype“: Diese besagen bis heute, dass Burschen „begabter“ für naturwissenschaftliche Fächer sind.

Buben würden dadurch größeres Interesse an Zahlen entwickeln, besser motiviert sein und selbstbewusster auftreten – obwohl die Eingangsbedingungen bei Schulantritt für beide Geschlechter fast gleich seien, sagen die Autoren. Sie kritisieren ein generell „fehlendes Naheverhältnis“ zu den Naturwissenschaften in Österreich, das es „paradoxerweise geschafft hat, salonfähig zu werden“: „Wir leben in einem Land, in dem sogar Vorbilder wie Politiker stolz darauf sind, in der Schule schlecht in Physik gewesen zu sein“, sagt Lucyshyn. Er spricht sich für verstärkte frühkindliche Förderung speziell von Mädchen aus. Die Lehrer sollten mehr auf individuelle Bedürfnisse eingehen und ihren Unterricht durch Experimente und Versuche praxisnäher gestalten.

Als Plädoyer gegen eine gemeinsame Schule will man im BIFIE den Bericht übrigens nicht verstehen. Im Gegenteil: Aus den Ergebnissen abzulesen, dass sich „ohnehin bereits Privilegierte abschotten sollten, wäre katastrophal“, so Lucyshyn, der für einen „möglichst langen gemeinsamen Schulbesuch bei gleichzeitiger Förderung im Spitzenbereich“ eintritt. „Denn sonst schicken wir eine Gruppe ganz bewusst ins gesellschaftliche Out.“

 

("Die Presse" Printausgabe vom 10. Juni 2010)