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Vorwürfe

Russland: Druck auf Aktivisten in Perm steigt

Robert Latopow im Memorial-BüroJutta Sommerbauer

Ein Propaganda-Kanal erhebt fragwürdige Vorwürfe gegen Memorial-Chef in der Ural-Stadt.

Moskau/Perm. „Ich wusste, es würde schlimm enden, aber nicht, dass es so bald passiert.“ Diese Worte des russischen Popidols der Perestrojka-Zeit, Viktor Zoi, hat Robert Latypow unlängst auf Facebook gepostet. Tatsächlich haben die Behörden ihren Druck gegen den Aktivisten aus der Ural-Stadt Perm verschärft. „Die Presse am Sonntag“ berichtete Mitte Oktober von den Schwierigkeiten des Chefs der NGO Memorial. Latypow reinigte im Sommer mit ausländischen Freiwilligen einen früheren Gulag-Ort im Norden des Permer Gebiets von Gestrüpp. Die Behörden sahen darin „illegales Holzfällen“ und verhängten gegen ihn eine Strafe von umgerechnet mehr als 3500 Euro.

Der Vorfall hört sich grotesk an. Gedenk-Aktivisten als mutmaßliche Holzfäller? Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Ende Oktober erschienen Polizisten, Beamten des Inlandsgeheimdienstes FSB sowie des Zentrums für Extremismusbekämpfung mit einem Durchsuchungsbefehl bei Latypow. Sie durchkämmten seine Wohnung und das Memorial-Büro auf der Suche nach weiteren Beweismitteln. Sie nahmen Computer, Dokumente und eine Säge mit. Der Menschenrechtler sagt: „Um eine zusätzliche Verschwörung gegen mich aufzutun.“

Aufgelauert im Büro

Das scheint gelungen zu sein. Keine zehn Tage später überraschte den Historiker ein Team von Ren-TV, einem propagandistisch-boulevardesken Kanal aus Moskau, im Memorial-Büro. Es war ein Samstag, und bis auf eine Kollegin wusste niemand, dass er in dem Erdgeschoßbüro war. Unter laufender Kamera wurde er schroff mit Pädophilie- und Kinderporno-Vorwürfen konfrontiert. Die Journalisten präsentieren in ihrem Beitrag den schriftlichen „Schwur“ eines Jugendlichen, in dem „Onkel Robert“ gelobt wird. Er war in Latypows Privatarchiv und wurde bei der Hausdurchsuchung sichergestellt. Latypow sagt, es handle sich um einen alten, im Scherz-Brief. Im Beitrag werden zwei Fotos von weiblichen Jugendlichen in aufreizenden (nicht pornografischen) Posen gezeigt. Latypow dazu: „Ich kenne diese Bilder nicht. Sie sind nicht von meinem Computer.“

Das „Beweismaterial“ dürfte Ren-TV von den Ermittlern zugespielt worden sein. „Nur sie hatten Zugang“, sagt Latypow, der den FSB hinter der Sache vermutet. „Gut möglich, dass der Kanal auf Anweisung des Geheimdienstes handelt. Oder man hat ihm meinen Fall als saftige Story verkauft.“

Das Ziel ist offenbar, die Arbeit des Menschenrechtlers mit besonders unfeinen Methoden zu diskreditieren. Und es scheint möglich, dass die Behörden Ermittlungen wegen der Anschuldigungen aufnehmen. Selbst wenn der TV-Bericht keine juristischen Folgen haben sollte: Kinderpornografie ist ein schwer wiegender Vorwurf, der die Betroffenen in der Öffentlichkeit bloßzustellen und moralisch zu ruinieren droht. In Russland ist er zu einer Waffe gegen unliebsame Aktivisten geworden, die nicht zum ersten Mal eingesetzt werden könnte. Bei „Memorial“ seien Pädophilie-Vorfälle beinahe eine „Gesetzmäßigkeit“, behauptet der TV-Sprecher süffisant als Anmoderation für den Beitrag. Eine Anspielung auf einen ähnlich gelagerten Fall in Karelien, wo die Behörden einen anderen Memorial-Historiker seit Jahren im Visier haben.

„Man will Memorial liquidieren“, ist Latypow überzeugt. Seit einigen Tagen hält er sich in Westeuropa auf. Von hier aus, in Sicherheit, will er die Lage in Perm beobachten. Ein Rückfahrticket hat er noch nicht gekauft.