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Pop

Der Softporno lebt in diesen Songs weiter

Die US-Band Cigarettes After Sex lud mit erotisch aufgeladenen Liedern zu zwei Abenden in die Arena.

Synästhetiker, die beim Hören Farben sehen wollen, haben es nicht leicht mit Cigarettes After Sex. Nicht zufällig will Songwriter Greg Gonzalez, dass von seiner Band nur Schwarzweißfotos geschossen werden. Die Welt, die sich bei dieser sanften Musik auftut, ist geprägt von Reduktion, strikten Kontrasten und einem Sog zum Meditativen. Ein Stehkonzert wie in der Arena ist dafür nicht ideal. Dennoch funktionierte die Hypnose durch in Zeitlupe wabernde Gitarren- und Bassklänge, vor allem aber durch die androgyne Stimme von Gonzalez. Die Projektionen hinter der Band waren in striktem Schwarz-Weiß: träge tröpfelndes Wasser, Büsche, Flammen in der Nacht. Dazu natürlich Frauengesichter in Großaufnahme; Stupsnasen und feuchte Augen dominierten.

 

Ein Opernhaus im Dschungel

„Wearing black lipstick, bleaching your hair blonde“, sang Gonzalez mit einer Stimme, die an Françoise Hardy erinnert, in „Young And Dumb“, der Eröffnungsnummer, die für strenge Feministinnen ein ziemliches Ärgernis wäre. Es waren wohl keine anwesend. So wiegten sich Weiblein wie Männlein zu Zeilen wie „Well I know full well that you are the patron saint of sucking cock“. Ein kühnes Sprachbild in Zeiten eines neuen Moralismus. Doch in der Welt des Gonzalez ist Erotik noch jenes grenzüberschreitende Abenteuer, die sie einst war. In einem Lied baut er seiner Liebe ein Opernhaus im Dschungel, wie einst Werner Herzogs Filmfigur Fitzcarraldo. Begründung: „I've got a love for you, I just can't escape.“

Gefühle, das lehrt diese Musik, sind zugleich das Stärkste wie das Labilste, was den Menschen lenkt. Im heftig beklatschten „Sweet“ schwärmte Gonzalez von roter Reizwäsche und perfekter Hautfarbe, letztlich aber nahm ihn der Blick seiner Angebeteten gefangen: „But it's always your eyes that pull me under. I would gladly break my heart for you.“ Liebe als Kult der wechselseitigen Opferung?

Auch auf romantische Eröffnungszeilen versteht sich Gonzales. „I wanna line my walls with photographs you sent“, heißt es etwa in „Crush“. Nicht nur in diesem Lied ist der Weg zwischen Romantik und Sexualität kurz. Nur eine Strophe weiter sang Gonzalez mit Inbrunst: „I wanna fuck your love slow.“ Der Softporno mag im Kino ausgestorben sein, im Pop von Cigarettes After Sex lebt er munter weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2019)