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Ärztekammer fordert mehr Hausapotheken

Symbolbild.
Symbolbild.(c) BilderBox (BilderBox.com)

Um mehr Allgemeinmediziner in ländliche Regionen zu locken und die Versorgung der Bevölkerung zu verbessern, müsse das Gesetz liberalisiert werden.

Wien. Im seit Monaten anhaltenden Konflikt zwischen Ärzte- und Apothekerkammer um Hausapotheken im ländlichem Raum fordern die Mediziner einmal mehr eine Liberalisierung des Gesetzes aus dem Jahr 2006. Ein Wegfall der Klausel, wonach Hausärzte ihre Apotheke schließen müssen, wenn im Umkreis von vier Straßenkilometern eine öffentliche Apotheke eröffnet, sei dringend notwendig, um die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.

„Die Zahl der Hausapotheken sinkt“, sagte Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Wien. In den vergangenen 20 Jahren sei sie von 896 auf 794 zurückgegangen, während es 1438 öffentliche Apotheken gebe (plus 155 von 2009 bis 2018). Für die Patienten bzw. deren Angehörige bedeute diese Entwicklung, dass sie für den Kauf von Medikamenten Hunderte Kilometer mit dem Auto zurücklegen müssten.

 

„Beträchtlicher Nachteil“

Die aktuelle Regelung führt laut Ärztekammer zudem dazu, dass sich in vielen kleinen Gemeinden keine Allgemeinmediziner mehr niederlassen wollten, weil ihnen ohne Hausapotheke zehn bis 15 Prozent des Umsatzes wegfalle. „In Zeiten des Ärztemangels und ganz besonders des Landarztmangels ist das ein beträchtlicher zusätzlicher Nachteil“, sagt Silvester Hutgrabner, Leiter des Referates für Landmedizin und Hausapotheken.

Auch die öffentlichen Apotheken in der Nähe würden darunter leiden. „Wenn niemand mehr Medikamente verschreibt, kann sie auch niemand mehr verkaufen“, sagt Steinhart. „Diese Negativspirale dreht sich, in unterschiedlichem Tempo, gegenwärtig in sehr vielen ländlichen Regionen. Das Nachsehen haben die Bewohner, und ganz besonders kranke, immobile und alte Menschen.“

Rückendeckung für die Ärztekammer gab es zuletzt von der Bundeswettbewerbsbehörde BWB, die auf Basis einer Branchenuntersuchung zur Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum vorgeschlagen hatte, den Apothekenmarkt zu liberalisieren, um Hausarztordinationen auf dem Land attraktiver und damit lukrativer zu machen.

Dabei stelle die ärztliche Hausapotheke „aus wettbewerblichen Gesichtspunkten ein entscheidendes Instrument“ dar. Derzeit dürfen praktische Kassenärzte nur dann eine Hausapotheke betreiben, wenn es im Umkreis von vier Straßenkilometern keine öffentliche Apotheke gibt. Eröffnet eine Apotheke in diesem Gebiet, muss der Hausarzt seine Apotheke binnen drei Jahren schließen. Die BWB fordert – ebenso wie die Ärztekammer – die Streichung dieser gesetzlichen Mindestentfernungen.

Die Apothekerkammer erteilte diesem Vorstoß unverzüglich eine Abfuhr. Es sei eine Illusion zu glauben, damit die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum verbessern zu können. Eine Liberalisierung würde die Schließung von zehn Prozent der Apotheken bedeuten, warnt Präsidiumsmitglied Gerhard Kobinger.

Insgesamt wären fast die Hälfte der Apotheken zumindest gefährdet. Betroffen seien insgesamt 6000 Arbeitsplätze mit einem Frauenanteil von 89 Prozent sowie zahlreiche Lehrstellen.

 

Ministerin für Status quo

Anfang November meldete sich auch Gesundheitsministerin Brigitte Zarfl zu Wort und sagte, das bestehende System habe sich bewährt.

Steinhart zeigte sich „erstaunt“ über diese Aussage. Es sei „befremdlich“, wenn eine Ministerin die aktuellen Empfehlungen der Bundeswettbewerbsbehörde ignoriere und sich auf ein nicht mehr zeitgemäßes Gesetz berufe, das dringend überarbeitet werden müsse. (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2019)