Die geplante Kryptowährung von Facebook werde überschätzt, sagt Kryptoexperte Leonhard Weese. Er glaubt, dass andere Firmen – etwa der Nachrichtendienst Telegram – langfristig größeren Erfolg mit ihren Coins haben werden.
Leonhard Weese ist Vorsitzender der Bitcoin Association Hongkong, wo der Südtiroler auch lebt. Er spricht über die von Facebook geplante Kryptowährung Libra. Weese glaubt nicht, dass sich die digitale Währung durchsetzt, andere Konzepte aber sehr wohl. Er gilt als einer der bekanntesten Sicherheitsexperten in der Krypto-szene und erklärt, wie der Handel mit Bitcoin-Futures läuft und warum die Kryptowährung gerade in Hongkong angesichts der aktuellen Proteste gegen die chinesische Führung eine wichtige Rolle spielt.
Man könnte meinen, die Regulatoren hassen Libra. Was ist das Problem an der Facebook-Währung?
Leonhard Weese: Ich bin total fasziniert und ein bisschen überrascht, dass es so viel Gegenwind gegeben hat. Libra hat wie Bitcoin, M-Pesa, PayPal sowie Venmo in den USA und WeChat in China ein großes Problem: Sie können die Brücke zwischen Bargeld und elektronischem Geld nicht schlagen. In Hongkong gibt es schon einige Methoden, elektronisches Geld zu verwenden. Es benutzen sehr wenige, aber es gibt sie. Es ist sehr leicht, über Alipay oder WeChat einen Account zu machen. Aber wie transferiere ich Zahlungen in Bargeld? Viele der Geschäfte oder Taxifahrer in Hongkong haben extreme Liquiditätsengpässe. Das trifft auf einen Großteil der Menschen zu. Selbst gut Bezahlte nehmen in Hongkong am Ende des Monats Essen von zu Hause in die Arbeit mit, weil das Geld für die Bestellung knapp wird. Der Taxifahrer nimmt Geld von den Kunden und muss es sofort für Benzin, Maut oder die Miete für das Taxi ausgeben. Das muss er alles am selben Tag machen. Die Maut muss er jedes Mal in bar zahlen. Wenn er digitales Geld annimmt, bringt er sich in das Liquiditätsproblem, weil die Mautstelle kein Digitalgeld nimmt. Elektronisches Geld können nur große Firmen annehmen, die die Liquiditätsprobleme auf großer Skala lösen können. Für Libra haben wir aber noch überhaupt keine Indikation bekommen, wie Libra dieses Problem lösen wird.
Aber Bitcoin hat dieses Problem ja auch?
Ja. Bitcoin ist in vielerlei Hinsicht auch unpraktisch, weil es nicht so einfach in Bargeld umzutauschen ist, und weil es nicht akzeptiert wird. Bitcoin versucht, das Problem zu lösen, indem es sagt, Bitcoin ist wie ein Goldstück. Deswegen kann man es auch handeln wie ein Goldstück. Man kann mit jeder willkürlichen Person handeln. Bitcoin braucht kein Affiliate-Netzwerk (Anbieter, die eine Serviceinfrastruktur anbieten, Anm.) oder ATM-Netzwerk (Bankomaten, Anm.). Das muss jeder für sich selbst lösen.