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Lokalkritik

Testessen im Café Kandl

Würstelstand-Drinks und Frühstücksgrammeln: eine originelle Karte, sehr gut realisiert.

Hab Mut und besinne dich deiner Stärken, lautet ein Mantra der „Job & Karriere"-Beratungsfraktion. Zu den Stärken des neuen Café Kandl im siebenten Wiener Bezirk hat das Team folgende auserkoren (und man befolgt das Mantra dankenswerterweise von Anfang an): Drinks, Kaffee, Drinks mit Kaffee (dieser Espresso Tonic!), Frühstücksideen, die nicht Avocado, Chia und „Wake me up!" im Titel tragen. Sowie der Mut, nur ganz wenige sorgfältig zubereitete Gerichte zu bieten, statt eine Vielzahl an ausschließlich insta­gramtauglichem Trendessen hinzurotzen.

Robin Peller, Weltenbummler, Fotograf und Barkeeper, hat das Lokal, das schon vorher Café Kandl geheißen hat, im Vorbeigehen entdeckt, beschlossen, so einen prächtigen Biedermeier-Hofgarten darf er nicht mehr aufgeben, und das Lokal umgebaut. Der Stil: überraschend ernsthaft, unschnelllebig, mit Massivholz und braven, soliden Stoffen – die verspiegelte Bar wirkt da geradezu gewagt. In der Küche steht untertags Julian Lechner, der davor im Aend sowie im Mraz & Sohn gearbeitet hat, aber ein bisschen weniger Abenddruck wollte.

(c) Christine Pichler

Beide Restaurants gehören derzeit zu den aufregendsten Fine-Dining-Adressen mit großem Überraschungspotenzial, mit hohem handwerklichen Anspruch, aber auch Wagemut. Diesen Mut bringt Lechner etwa in Form einer schlichten Fischsemmel als Abendgericht ein, die von ihm vorbereitet und vom Barteam abends finalisiert wird: Eine Handsemmel von Öfferl, geräuchertes Welsfilet aus dem Wiener Aquaponic­betrieb Blün und cremig angemachter Wurzelsalat (6,90  Euro) – hervorragend. Das Gemüsegulasch auf Kokos-Paprika-Basis (7,50) erhält seine Raffinesse durch Dinge, die man eben in der Spitzengastronomie praktiziert, wie Rotwein­reduktion.

Das aromatische Roastbeef von der „alten Kuh" für das Sauerteigsandwich wurde mit Kaffee gegart, saure Zwiebeln und zweierlei Saucen mischen auch mit (9,50). Zu Mittag kocht Julian Lechner zwei Gänge unter zwölf Euro, etwa Pilzcremesuppe und Rote Polenta mit Melanzani und pochiertem Ei. In Sachen Frühstück hat sich das Café Kandl gleich einmal zwischen den besten Adressen Wiens platziert, allein der mit roten Zwiebeln und Marillenessig gewürzte Haferbrei mit Grammeln, Stundenei und Schnittlauchöl! Auch die amüsant kommentierten Cocktails unter Barchef Jamil El Azem spielen in der Oberliga mit, unter anderem mit dem Bitzinger Martini, einer flüssigen Würstelstandinterpretation: Käsekrainer-Wodka, Buchweizen-Wodka, Gurkenwasser, in Wermut eingelegte Senfkörner. Nur Mut!

Info

Café Kandl, Kandlgasse 12, 1070 Wien, info@cafekandl.at Restaurant: Di–So: 8–2 Uhr.

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("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 22.11.2019)