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Netflix-Serie

„The Crown“, ein „Game of Thrones“ aus der Wirklichkeit

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Olivia Colman spielt Königin Elizabeth II(c) Netflix (Sophie Mutevelian)

Allüren, Skurrilitäten, Staatskunst, Staatsräson und Großbritanniens Royals: Die dritte Staffel der Netflix-Serie „The Crown“ ist ein prunkvolles Schauvergnügen mit tollen Schauspielern und ein Must für Briten-Versteher.

„Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann“, der Auszählreim für Kinder weist auf Prototypen unserer Gesellschaft seit alters her hin – und mag erklären, warum uns gerade Monarchen so sehr faszinieren. Die dritte Staffel der Netflix-Serie „The Crown“ weckt zunächst Befremden. Wo sind denn all unsere Lieblinge hingekommen? Claire Foy in der Hauptrolle, Matt Smith als unbotmäßiger Prinz Philip und unser ganz besonderer Darling: Vanessa Kirby als herrlich exzentrische Prinzessin Margaret. Aber die Irritationen sind rasch überwunden, wie zuvor schon Staffel eins und zwei zieht auch die völlig neu besetzte Staffel drei schnell in Bann. Das Verspielte, der gelegentliche Anflug von spontanem Humor oder Verblüffung der Figuren freilich sind verflogen. Die Windsors wirken kühler und professioneller. „The Crown“ zeigt nicht nur Tratsch über die Königsfamilie, sondern auch welche Verpflichtungen durch „die Krone“ – ein überzeitliches Symbol jenseits einzelner Persönlichkeiten – entstehen. Immer wenn einer ausscheren will, heißt es, „die Krone“ tut das nicht: Ein fester Knebel für Individuen, die gemeinhin als beneidenswert gelten.

Besonders die jählings gereifte Königin Elizabeth II. (neu besetzt mit Olivia Colman), die manchmal ihren schönen, rotgeschminkten Mund grämlich nach unten zieht, hat einen deutlichen Drall ins Rigide erlitten. Erlitten, das Wort ist insofern angebracht, als in Staffel drei deutlich wird, dass Lilibeth wie Elizabeths Spitzname als Mädchen lautete, lieber eine englische Country-Lady mit Pferdezucht, Pferderennen und anderen Tieren geworden wäre als eine Königin in fortwährender Alarmbereitschaft. Unglücke in Kohlebergwerken, wirtschaftliche Zusammenbrüche, Abwertung des heiligen britischen Pfundes, Regierungswechsel, stets muss der Souverän souverän bleiben – und dann ist da noch die Verwandtschaft, in deren Reihen es ein paar Herren gibt, die selber nach dem Thron trachten.

Helena Bonham Carter verkörpert Margaret(c) Netflix (Sophie Mutevelian)

Seit Shakespeares Zeiten scheint sich da in Britannien recht wenig geändert zu haben. Und ebenso wie in Staffel eins und zwei erweist sich insbesondere Prinzessin Margaret als sprichwörtlicher Sargnagel mitsamt ihrem Ehemann, dem Fotografen Tony Snowdon vulgo Anthony Armstrong-Jones, erster Earl of Snowdon. Der virile Ben Daniels und die temperamentvolle Helena Bonham Carter, ein Star und ein Publikumsliebling, geben ein wahrhaft strindbergisches Paar.

Überhaupt ist die Serie edel und stilsicher besetzt. Vieles, was man nur aus der Regenbogen-Presse oder aus anderen Medien kennt, versteht man durch diese Saga (Staffel vier ist für Ende 2020 angekündigt) besser, von den Frustrationen Prinz Charles‘ (großartig: Josh O’Connor) über Prinzessin Anne (Erin Doherty), die ihren eigenen Willen mit mehr Fortüne durchsetzt als der ewige Thronfolger, bis zu Lord Louis Mountbatten (phänomenal: Charles Dance), einem Hardliner des Militärs und des Kolonialismus. Lord Louis Mountbatten war der letzte Vizekönig Britisch-Indiens, man kann ihm auch in Gurinder Chadhas Film „Der Stern von Indien“ (zu leihen auf Amazon) begegnen, in einer gänzlich anderen Charakterisierung als in „The Crown“, als Friedensstifter, der an der Unversöhnlichkeit von Moslems und Hindus bei der Entlassung der Kolonie in die Unabhängigkeit 1947 scheitert (Hugh Bonneville, bekannt als Gutsbesitzer und Familienvorstand aus „Downtown Abbey“, spielt Lord Louis Mountbatten in „Der Stern von Indien“).

Ein weiteres Highlight der dritten Staffel von „The Crown“ ist das Erscheinen von Prinzessin Alice von Battenberg (Jane Lapotaire), Mutter von Prinz Philip, die nach einem bewegten Leben den geistlichen Stand wählte und eine ziemlich ungewöhnliche Nonne geworden ist.

Insgesamt ist „The Crown“ eine packende Lektion in geostrategischem Denken und sie bietet viel saftigen Stoff über das Wesen unserer verehrten Briten, die sich in letzter Zeit so seltsam aufzuführen scheinen. Wir erleben sie, fest verwurzelt in ihren Traditionen, dabei jählings zornmütig sich gegen ihre hermetische Upperclass erhebend, wir beobachten staunend deren für Kontinentaleuropäer offen zur Schau getragene Hartherzigkeit und Arroganz, bewundern aber auch ihre Würde und Unbeugsamkeit. Wir sehen die heiklen Balanceakte einer alten Demokratie, die freilich in noch so instabilen Momenten von bestimmten Werten niemals abrücken würde.(Hoffentlich). Wir sehen den Prunk eines Hofes, den wir Österreicher von den Habsburgern kennen.

Ausgefeilter PR-Apparat

Man fragt sich, ob es die Habsburger noch gäbe, hätten diese gern verkitschten „Operetten-Kaiser“ einen derart ausgefeilten PR-Apparat entwickelt wie die Windsors, auch von diesem handelt diese Serie, freilich in recht kritischer Weise. In Staffel drei ist zu erfahren wie diese geniale Propaganda-Maschine – die übrigens viel Geld einbringt – aus unbeholfenen Anfängen entwickelt wurde. Die Lernprozesse des Ober-Royal-Watchers Peter Morgan, er schrieb 2006 das Drehbuch zu „The Queen“ (mit Helen Mirren) und ist Ideen-Geber von „The Crown“, sind deutlich sichtbar. Morgan scheint seit „The Queen“ viele Illusionen über die Royals verloren zu haben.

Was wollen diese Briten, was bewegt sie, was treibt sie um – und warum halten sie noch immer an dieser hoffnungslos antiquierten Monarchie fest? Womöglich auch weil sie mit ihrem Prunk etwas vom britischen Lifestyle in seiner höchsten Vollendung repräsentiert? Für jene, die alles das interessiert, ist „The Crown“ ein Must, eine Inspiration für Briten-Versteher, das vielleicht sogar Anregungen bietet, etwas von der endlosen Brexit-Quälerei zu begreifen.

„The Crown“, Staffel drei, auf Netflix