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Interview

Pochtler: „Die Stärkung von Mint-Fächern ist essenziell“

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Christian C. Pochtler; „Unser vorrangiges Ziel ist es, Wien in Zukunft noch stärker als Unternehmensstadt von Weltrang zu positionieren.“(c) IV Wien
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IV-Wien-Präsident Christian C. Pochtler: „Das Wichtigste in der Industrie ist Planbarkeit in Form stabiler politischer Rahmenbedingungen. Sobald wir diese haben, ist alles schaffbar.“


Herr Präsident, es gibt viele Herausforderungen für die Wirtschaft: Was sehen Sie als die wichtigsten Themen, die die Unternehmen am meisten beschäftigen und fordern?

Christian C. Pochtler: Die rasante Digitalisierung von Wirtschafts- und Produktionsprozessen sowie von Gesellschaft und insbesondere ihrer Kommunikation ist einer der größten Umbrüche in der Geschichte der Menschheit. Diese Entwicklung ist nicht linear, sondern geprägt von ständigen Disruptionen. Somit ist dieser Transformationsprozess ein Thema, das viele Unternehmerinnen und Unternehmer immer wieder vor ungeahnte Fragen stellt. Wir werden mit Mut und Optimismus agieren müssen, denn nur das sichert das Überleben von Ideen und damit letztlich auch von Arbeitsplätzen. Hier heißt es aber, gemeinsam mit der Gesellschaft und ihren politischen Entscheidungsträgern die besten Lösungen zu suchen. Dieser Prozess wird noch Jahre andauern. Damit das gut gelingen kann, braucht es hoch qualifizierte Arbeitskräfte und die bestmögliche Infrastruktur. Außerdem muss der Weg der steuerlichen und bürokratischen Entlastung für Menschen und Unternehmen noch entschiedener angegangen werden.

Wien ist das Wirtschaftszentrum von Österreich. Was braucht es, dass der Standort für die Industrieunternehmen attraktiv bleibt?

Unser vorrangiges Ziel ist es, Wien in Zukunft noch stärker als Unternehmensstadt von Weltrang zu positionieren. Wien hat dafür beste Voraussetzungen; das zeigen nicht zuletzt 221 Betriebsansiedlungen allein im vergangenen Jahr. Wien führt darüber hinaus einige Ranglisten an, ist aber zugleich – trotz einiger Vorzeigeleistungen – immer noch zu selten Standort für Technologie, Forschung und Innovation. Auch hier muss Wien rasch im Spitzenfeld zu finden sein. Ich leiste gern meinen Beitrag, damit Wien zu diesem Zukunftsstandort wird.

Die Industrie schaut auf viele Boomjahre zurück – und auch heuer läuft es noch gut. Wie zuversichtlich sind Sie für die Zukunft?

Wir wissen schon jetzt, dass uns eine konjunkturelle Abschwächung erwartet. Darauf machen sich die Wirtschaft und die Industrie natürlich gefasst. Ich bin trotzdem zuversichtlich, denn das Wichtigste in der Industrie ist Planbarkeit in Form stabiler politischer Rahmenbedingungen. Sobald wir diese haben, ist alles schaffbar.

Österreichs Industrie fehlen vielerorts die Fachkräfte. Ist da Wien anders? Immerhin zieht die Hauptstadt viele Menschen an. Die Stadt steuert bei der Bevölkerungszahl auf die zwei Millionen zu. Da müssten doch viele Qualifizierte dabei sein - oder?

Ja, es gibt erfreulicherweise viele qualifizierte Menschen in unserer Stadt. Dass die Industrie aber noch mehr gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter braucht, ist kein Geheimnis. Viele Unternehmen leisten ihren Beitrag und ermöglichen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestmögliche Aus- und Weiterbildung. Aber hier muss es bereits vor dem Eintritt in ein Unternehmen zielgerichtete Maßnahmen geben: Die Lösungen dafür liegen im Bildungssystem und der geregelten und kriteriengeleiteten Zuwanderung.

Gerade in Wien mit seinen innovativen Technologiebetrieben und durch den digitalen Wandel werden vor allem IT-Spezialisten gesucht. Finden Sie diese auf den technischen Schulen? Welche Schwerpunkte setzen Sie, hier genügend Digitalkräfte zu finden?

Die Wiener Wirtschafts- und Innovationsstrategie „Wien 2030“ geht hier mit ihrer Identifikation von Spitzenthemen in die richtige Richtung und sollte konsequent umgesetzt werden, damit in der Forschung tatsächlich Stärken gefördert werden. Zugleich sollten Hochschulen noch weiter als Partner der Industrie forciert werden. Im Bereich der Bildung müssen die digitalen Basiskompetenzen früh geschult werden, aber auch Kreativität und Teamfähigkeit. Die Stärkung von Mint-Fächern – vor allem auch bei Frauen – ist essenziell: Nur 15 Prozent der Studienanfänger gehen heute in technische Studienrichtungen und weniger als fünf Prozent in die Informationstechnologie. Und nur ein Viertel aller Studierenden an technischen Universitäten ist weiblich. Darüber hinaus braucht es modernste digitale Infrastruktur.

Welche Anstrengungen und Rahmenbedingungen braucht es seitens der Standortpolitik, um die Industriebetriebe zu unterstützen/zu entlasten? Was erwarten Sie da von der künftigen Bundesregierung?

Der Weg der Entlastung für Menschen und Unternehmen muss konsequent weitergegangen werden. Insbesondere die in Aussicht genommene Senkung der Körperschaftsteuer hat größte Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts. Zusätzlich braucht es einen klaren Pfad zur längst überfälligen Abschaffung der kalten Progression. Denn es kann nicht sein, dass der Fiskus – durch Steuern und Sozialversicherungsabgaben – Hauptprofiteur der jährlichen Lohn- und Gehaltserhöhung ist.

ZUR PERSON

Christian C. Pochtler ist Präsident der Industriellenvereinigung Wien und Unternehmer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2019)