Schnellauswahl
Industrie

Thyssen: Es kommt noch schlimmer

Bei Thyssen Krupp wackeln mehr als 6000 Jobs, Dividende soll es keine geben.
Bei Thyssen Krupp wackeln mehr als 6000 Jobs, Dividende soll es keine geben.(c) REUTERS (Wolfgang Rattay)

Erst im September ist die einstige Industrieperle aus dem DAX geflogen. Nun schreckte die neue Chefin die Anleger mit einem schlechten Ausblick. Dividende soll es auch keine geben.

Wien. Ein paar Wochen lang hatte es so ausgesehen, als hätte ThyssenKrupp das Schlimmste überstanden. Im September war die einstige deutsche Industrieperle aus dem Frankfurter Leitindex geflogen, in dem sie zuvor seit dessen Gründung im Jahr 1988 enthalten war. Die Aktie hat seit dem Höhepunkt im Jahr 2007 73 Prozent verloren. Grund waren milliardenschwere Fehlinvestitionen in Stahlwerke in den USA und in Brasilien, das Scheitern der geplanten Fusion der Stahlsparte mit dem indischen Konkurrenten Tata, ein kaum vorhandener Finanzpolster und die Tatsache, dass der Konzern im Lauf der Zeit ein unübersichtliches Sammelsurium aus viel zu vielen Geschäftsfeldern geworden ist: ThyssenKrupp fertigt Stahl, Werkstoffe, Komponenten für die Autoindustrie, Chemie-, Raffinerie- und Industrieanlagen sowie Aufzüge.

Doch die Stahlindustrie leidet unter Überkapazitäten. Bei ThyssenKrupp Steel ist der operative Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr (per September) von 687 Mio. auf 31 Mio. Euro eingebrochen. Auch für den Komponenten- und den Anlagenbau ist das konjunkturelle Umfeld ungünstig. ThyssenKrupp braucht für seine Umstrukturierung aber dringend Geld, und das soll die einzig wirklich profitable Sparte einspielen: die Aufzugssparte. Für sie sucht das Unternehmen Käufer, angeblich soll es bereits mehrere Interessenten geben, darunter den finnischen Konkurrenten Kone. Auch ein Börsengang ist möglich.

Die Aussicht auf eine Geldspritze hat der Thyssen-Aktie seit ihrem Mehrjahrestief im August auch etwas Auftrieb verliehen und sie um 28 Prozent steigen lassen. Am Donnerstag ging es wieder bergab, im Tagesverlauf zeitweise zweistellig. Die Aktie, die sich seit September im MDAX befindet, stellt auch dort Negativrekorde auf: Mit einem Minus von 20 Prozent seit Jahresbeginn ist sie der sechstschlechteste Wert von 60 Titeln im Mittelwerte-Index.

 

Noch mehr Stellen wackeln

Der Grund: Die neue Chefin Martina Merz, seit Anfang Oktober im Amt und eine von mehreren Chefs in den vergangenen Jahren, hat am Donnerstag angekündigt, dass es für das abgelaufene Geschäftsjahr schon wieder keine Dividende geben soll, zum dritten Mal in acht Jahren. Das Unternehmen werde heuer noch tiefer in die Verlustzone rutschen als im Geschäftsjahr 2018/19 (304 Mio. Euro). Die Sanierung des angeschlagenen Unternehmens werde sich noch mindestens zwei bis drei Jahre hinziehen und einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag kosten.

Auch für eine Kartellstrafe wurden 370 Mio. Euro zurückgelegt. Möglicherweise müsse das Unternehmen auch mehr als die bereits angekündigten 6000 Mitarbeiter abbauen; in der Essener Konzernzentrale sollen es 800 und damit fast die Hälfte sein.

Die Arbeitnehmervertreter von ThyssenKrupp sind empört: „Für uns gilt, was in der mit dem Vorstand vereinbarten Grundlagenvereinbarung steht – und das ist die Zahl von 6000 Arbeitsplätzen“, sagte Konzernbetriebsratschef Dirk Sievers zur Nachrichtenagentur Reuters. Der Vorstand könne nicht ständig neue Abbauzahlen aufrufen. „Dass wir als Arbeitnehmervertreter nicht abstreiten, dass restrukturiert werden muss, heißt noch lang nicht, dass hier freies Schießen ist.“

Analysten sind unschlüssig, wie es nun weitergeht. Bloomberg-Daten zufolge raten acht zum Kauf, acht zum „Halten“ und vier zum Verkauf. Bei Kepler Cheuvreux („Kaufen“) meint man, der Ausblick sei zwar schwach ausgefallen, der Fokus liege aber auf der Restrukturierung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2019)