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Madeleine Albright und Joschka Fischer in Wien: „Trump ist eine echte Revolution“

Alte Freunde: Deutschlands Ex-Außenminister Joschka Fischer trifft seine frühere US-Amtskollegin Madeleine Albright in Wien.
Alte Freunde: Deutschlands Ex-Außenminister Joschka Fischer trifft seine frühere US-Amtskollegin Madeleine Albright in Wien.(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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In der Central European University in Wien diskutierten Madeleine Albright und Joschka Fischer über die Lehren von 1989.

Wien. Die Zwischenruferin weckte in Joschka Fischer den früheren Sponti und Straßenkämpfer, der selbst große Erfahrung hat als Störenfried – und auf der anderen Seite als grüner Außenminister Opfer von Verbal- und Farbbeutelattacken geworden war. Die Studentin hatte gerade zu einer gegen Madeleine Albright gerichteten Tirade gegen den Neoliberalismus, die „Nato-Kriegsmaschinerie“ auf dem Balkan und den „Faschismus“ Donald Trumps angehoben, als Fischer ihr galant in die Parade fuhr.

„Ich habe zehn Jahre gegen den Kapitalismus gekämpft, und es hat sehr gut funktioniert“, ätzte Fischer zum Auftakt einer Podiumsdiskussion in der unlängst in Wien aus der Taufe gehobenen Central European University (CEU). Daraus sprach der Sarkasmus eines 71-Jährigen, der sich im Laufe seiner Karriere mehrmals gehäutet hat und zum Elder Statesman reifte – in blauem Sakko und Jeans.

Fischers Karriere vom Revoluzzer zum Chefdiplomaten und Welterklärer reflektiert das Motto der Veranstaltung: „Mauern vermeiden. Die Lehren von 1989.“ Joschka Fischer und Madeleine Albright, die Ex-Außenminister Deutschlands und der USA, boten den Studenten am Donnerstag ein 90-minütiges Seminar über Zeitgeschichte und Realpolitik. Der Sohn deutsch-ungarischer Auswanderer und die Tochter jüdisch-tschechoslowakischer Emigranten trafen dabei auf mehrheitlich mittel- und osteuropäische Studenten im Twen-Alter, die vom Fall des Eisernen Vorhangs profitiert haben, zu dessen Zeitpunkt sie zumeist noch nicht geboren waren.

Albright, damals Politologin, erinnerte sich an die Tage und Wochen der Euphorie, die im Kontrast stünden zur Gegenwart – den Aufstieg des „Hypernationalismus“, die ambivalente Seite des „gesichtslosen“ Globalisierung und von High-Tech. Sie benennt Fehler: „Wir haben den Effekt der Durchdringung des Autoritarismus unterschätzt, und wir haben uns zu sehr mit den Eliten beschäftigt.“ Viktor Orbán, anno 1989 als Dissident „Everybody's Darling“, und Ungarn sind für sie die besten Beispiele, wie sich die Dinge zum Negativen entwickelt hätten. Ihr Resümee: Die Demokratie habe nicht immer das erfüllt, was sie verheißen habe.

 

„Einen Tweet entfernt“

Fischer erzählt von einer eindrücklichen Begegnung im Herbst 1989 in Washington. Ein Amerikaner habe die Umwälzungen in Europa mit Skepsis beobachtet. „Nach dem Bürgerkrieg haben wir 100 Jahre gebraucht, bis wir die Bürgerrechte beschlossen.“ In Europa sieht Fischer jetzt gewisse Parallelen. Der Prozess sei zu schnell, vielfach überstürzt verlaufen, lautet sein Fazit. Doch es sei darum gegangen, die Gunst der Stunde zu nutzen: „Ein Sturz Gorbatschows – und die Tür hätte sich geschlossen.“

Insgesamt ist er angesichts der Entwicklung indessen mit Optimismus erfüllt – allerdings mit Einschränkungen. Europa müsse im Rahmen der Nato stärkere militärische und finanzielle Verpflichtungen übernehmen. „Ansonsten klopft China an der Tür.“

Europa sei eine große Erfolgsgeschichte, die Europäer würden sich aber als schlechte Verkäufer erweisen. Er zitiert ein deutsches Sprichwort: „Wenn den Esel der Übermut überkommt, geht er zum Tanzen aufs Eis - und bricht sich die Beine."

In seinem Plädoyer deklariert sich der ehemalige deutsche Obergrüne als überzeugter Transatlantiker. „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ein amerikanischer Präsident einmal die Nato in Frage stellt. Ich kann mir die Nato ohne die USA nicht vorstellen – und wir sind nur einen Tweet davon entfernt.“ Ein kleiner Jux, doch Fischer schätzt die transatlantische Kluft als durchaus gravierend ein. „Trump ist eine Revolution – ob er das begreift oder nicht.“

Auch der Brexit wäre 1989 jenseits seiner Fantasie gewesen. „Würde die Sowjetunion noch bestehen, hätte sich der Ausstieg Großbritanniens aus der EU auch nicht ereignet.“ Russland sei heute vor allem vor der Angst getrieben, dass sich der „Maidan (der Aufstand in der Ukraine) auf dem Roten Platz wiederholt“. Gleichzeitig zieht er in Zweifel, was Wladimir Putin mit der Ukraine-Offensive für sein Land erreicht habe.

Der dritte Teilnehmer auf dem Podium, Bulgariens Ex-Außenminister Daniel Mitov, ergänzt: „Die Sowjetunion ist noch in den Köpfen vieler Menschen in Osteuropa. Es ist eine Frage von Generationen, bis das verschwindet.“ Insbesondere der Sicherheitsapparat habe in manchen Ostblock-Nachfolgestaaten überlebt. Er kritisiert den zu starken Fokus auf die Marktwirtschaft, der zuweilen das Gegenteil bewirkt habe – den Aufstieg von Oligarchen und Autokraten. „Ihre stärkste Waffe ist die Korruption.“

 

„Die Freiheitsstatue weint“

Im Gegensatz zu Fischer vermeidet Madeleine Albright die Erwähnung des US-Präsidenten. Daran, dass sie seine Politik zutiefst ablehnt, lässt sie jedoch keine Zweifel. „Ich bin entsetzt darüber, was in den USA geschieht. Ich sage immer: Die Freiheitsstatue weint. Die Errichtung von Mauern ist unamerikanisch.“ Dies ist wohl auch ganz im Sinne von George Soros, des Gründers und Sponsors der CEU.

Fischer und Albright, der frühere Taxifahrer und die Diplomatin, die im Zuge des Kosovo-Kriegs vor 20 Jahren zusammengefunden haben, trafen sich in Wien bei der jährlichen Reunion von Ex-Außenministern. Sie bezeichnen sich sich heute als „enge Freunde“ – so eng, dass Albright ihn sogar während eines Champions-League-Spiels mit einem Anruf stören dürfe, wie Fischer einmal erzählt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2019)