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“Berliner Zeitung”: Verleger mit Stasi-Vergangenheit

Die Neu-Eigentümer der „Berliner Zeitung“ Silke und Holger Friedrich haben Erklärungsnot.
Die Neu-Eigentümer der „Berliner Zeitung“ Silke und Holger Friedrich haben Erklärungsnot.(c) Jens Rötzsch/Dumont
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Die neuen Eigentümer der „Berliner Zeitung“ machten den Österreicher Michael Maier zum Chef. Die Stasi-Verbindung von Holger Friedrich bringt nun alle in Bedrängnis.

Sie waren Mitte September scheinbar aus dem Nichts in der Medienbranche aufgetaucht und sorgten für Erstaunen: Das Unternehmerehepaar Silke und Holger Friedrich erwarb die kriselnde, in den vergangenen Jahren stark geschrumpfte „Berliner Zeitung“ vom DuMont-Verlag. Bis dahin trat das Paar – er, 53, mit Glatze und graumeliertem, langem Hipsterbart; sie, 47, gern in angesagten Sneakers und Kostüm – als Investor von Start-ups, Betreiber einer Privatschule in Berlin-Mitte und des Veranstaltungszentrums E-Werk in Erscheinung, aber nicht als Medienmacher. Das Paar wuchs in Ostdeutschland auf. Holger Friedrich war mit einer Softwarefirma zu Geld gekommen, die er später verkaufte, und als Partner der Unternehmensberatung McKinsey.

Das Interesse der Medienbranche war dementsprechend groß, wie das denn nun zwei Außenseiter mit einer Zeitung in der Krise angehen würden. Sie gaben ausführliche Interviews, in denen sie betonten, sich in die redaktionelle Arbeit nicht einmischen zu wollen, aber für einen Wettbewerb der besseren Ideen einträten. Auf die Frage des „Spiegel“, ob sie sich denn mit dem Berliner Zeitungsmarkt beschäftigt hätten, sagte Holger Friedrich: „Nö“ – und seine Frau ergänzte: „Welcher Markt?“. Ein ziemlich cooles Hipsterpaar hatte sich da also Deutschlands erster Zeitung, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, angenommen. Es engagierte den Kärntner Michael Maier, der von 1996 bis 1998 Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ gewesen war – und davor Kurzzeit-Chefredakteur der „Presse“ – als neuen Herausgeber.

 

Sein Tarnname war „Bernstein“

Der 61-jährige Maier sieht sich allerdings schon kurz nach seinem Amtsantritt Anfang November in ordentlicher Erklärungsnot. Da wurde durch eine Recherche der Zeitung „Die Welt“ bekannt, dass Holger Friedrich mit 21 Jahren Mitglied der SED und unter dem Tarnnamen „Bernstein“ als Stasi-Offizier in der Hauptabteilung I des Ministeriums für Staatssicherheit tätig war. Dieses Detail aus seiner Vergangenheit hat er in den Interviews rund um den Erwerb der „Berliner Zeitung“ freilich nie erwähnt. Erst nach anfänglichem Zögern erklärte Friedrich nun dazu, er habe sich damals aus einer „Zwangssituation heraus verpflichtet“.

Es wäre besser gewesen, von sich aus dieses nicht unwichtige biografische Detail anzusprechen. Schließlich hat die Zeitung eine besondere Vergangenheit: Der 1945 gegründete Berliner Verlag und vor allem sein publizistisches Flaggschiff, die „Berliner Zeitung“, waren anfangs Organ der Roten Armee für die Berliner Bevölkerung und standen früher stark unter dem Einfluss der SED. Erst im März 2008 wurde bekannt, dass ein damals tätiger leitender Redakteur als Student für die Auslandsspionage tätig war und darüber geschwiegen hatte. Die Redaktion versprach Aufklärung, richtete einen Ehrenrat ein und deckte schließlich auf, dass, wie die „Welt“ schreibt, neun von 132 Redakteuren eine „mehr oder minder gravierende Stasi-Verbindung“ gehabt hatten.

Etwas mehr als zehn Jahre später muss die Redaktion also nun wieder Beiträge „In eigener Sache“ veröffentlichen und sich zu internen Vorgängen erklären. Michael Maier schrieb in der Zeitung von „einem verstörenden Fall“ und führte das im Interview mit der „Süddeutschen“ genauer aus: „Ich finde verstörend, wie weit die Schatten der Vergangenheit in die Gegenwart reichen, in der Holger Friedrich wahrscheinlich nicht einmal mehr selbst beurteilen kann, was richtig oder falsch war.“

Maier verteidigt den Verleger im Großen und Ganzen (ganz aktuell auch in der Freitagausgabe des “Standard”) dieser habe in einer Redaktionsversammlung zugesagt, sich dem Ehrenrat der Zeitung zu stellen und dabei zu helfen, seinen Fall aufzuklären. Dass Friedrich kürzlich in einem Essay in der Zeitung, den einstigen SED-Politiker Egon Krenz verteidigt hat, was für Empörung und Kritik sorgte, relativiert Maier, nicht ohne zu betonen, dass er selbst nie ein positives Wort über Krenz verlieren würde: „Das war ein namentlich gezeichneter Essay, und da kann jeder schreiben, was er denkt. Ich fände es auch schade, wenn er es in Zukunft nicht mehr täte.“ Er erinnert sich an seine erste Zeit der „Berliner Zeitung“ Mitte der 1990er. Damals habe er „tolle Schreiber“ angetroffen, „aber auch eine politisch sehr eingefärbte Redaktion. Wegen der schillernden Zustände haben wir uns zu folgendem Vorgehen entschlossen: Von wem es eine Stasi-Akte gibt, der muss die Redaktion verlassen.“ Für den neuen Eigentümer der Redaktion gilt dieses Diktum vermutlich eher nicht.

GESCHICHTE EINER ZEITUNG

Die „Berliner Zeitung“ (BZ) hat eine bewegte jüngere Geschichte. Sie wurde 1945 als erste Zeitung nach dem Weltkrieg gegründet und erschien bis zur Wiedervereinigung Deutschlands v. a. in der DDR. Ab 1992 gehörte sie dem Verlag Gruner + Jahr („Stern“, „Geo“, „Brigitte“), danach kurz dem Verlag Holtzbrinck, der sie nach kartellrechtlichen Schwierigkeiten 2006 wieder an die BV Deutsche Zeitungsholding weitergab. Seit 2009 gehörte sie zum Kölner Verlag M. DuMont Schauberg, der Teile seiner Blätter wie „Frankfurter Rundschau“ und „Berliner Kurier“ von einer Redaktionsgemeinschaft erstellen ließ. DuMont verkaufte die BZ, die heute gut 80.000 Stück Auflage hat, Anfang 2019 an das Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2019)