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Frankreich

Paris: Atelierbesuch bei Giacometti

Das Haus war lang ein Leerstand, nach schonender Instandsetzung beherbergt es nun Arbeiten Alberto Giacomettis – und seine Werkstatt als Installation.
Das Haus war lang ein Leerstand, nach schonender Instandsetzung beherbergt es nun Arbeiten Alberto Giacomettis – und seine Werkstatt als Installation.(c) xavier_BEJOT
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Keines der großen Museen und Sights, die Touristen in Paris abhaken, vielmehr ein Spot für die, die Kunst wirklich schätzen: In dem 2018 eröffneten Institut Giacometti dringen Besucher tiefer in das Werk eines Existenzialisten ein.

Von außen kannten viele das Jugendstilhaus mit den blauen und goldenen Mosaiken an der Fassade in der stillen Gasse von Montparnasse. Betreten hat es bisher kaum jemand. Jetzt drücken sich die Pariser hier die Klinke in die Hand. Man kommt, um einzutauchen in das Ambiente des Art-déco-Künstlers Paul Follot, nun bevölkert von den radikal modernen Torsi und ausgezehrten Frauengestalten Alberto Giacomettis. Zwar sind viele der reduzierten Plastiken des bedeutenden Schweizer Bildhauers in der Fondation Maeght an der Côte d'Azur zu sehen, in Paris, wo er den Großteil seiner Werke schuf, hatten sie aber bisher keinen angestammten Platz. Mehr als 50 Jahre nach dem Tod des Künstlers ist ein Ort entstanden, an dem eine Begegnung mit seinem Werk, seinem Denken, seiner Persönlichkeit möglich ist.

(c) Fondation Giacometti

Der Ort hätte nicht besser gewählt werden können. Catherine Grenier, die Leiterin der Giacometti-Stiftung, hat lang nach einer geeigneten Location gesucht, um die rund 350 Skulpturen, 90 Gemälde und mehr als 5000 Zeichnungen und Lithografien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das winzige Appartement, das Giacometti in der Rue Hippolyte-Maindron 40 jahrelang bewohnt hatte, stand nicht zur Verfügung. Es wäre auch zu klein gewesen. Wegen der Übereinstimmung mit dem Genius Loci, der Giacometti so wichtig war, sollten die Räumlichkeiten früher einmal als Atelier gedient haben. Und möglichst in Montparnasse liegen, dem in den 1920ern bevorzugten Künstlerviertel, erklärt die Kunsthistorikerin.

Opulenz und Kargheit

Über eine Anzeige sei sie auf das exzentrische Objekt in der Rue Victor Schoelcher gestoßen, eine Gasse, in der auch Picasso einmal sein Atelier hatte, nur ein paar Gehminuten von Giacomettis alter Adresse entfernt. Durch die Versteigerung eines Gemäldes von Joan Miró, ein Vermächtnis des Künstlerkollegen an seinen Freund, konnte der Kauf realisiert werden.

Die 350 m2, die Grenier für die Stiftung erwarb, standen leer, waren nicht mehr benützt worden, seit der Zeit, als Paul Follot hier Skizzen angefertigt und in den angrenzenden Salons – heute würde man Showroom sagen – Möbel, Teppiche, Keramiken, Schmuck und Alltagsgegenstände seiner betuchten Klientel zum Kauf angeboten hatte. „Er war ein Generalist, der vom Silberbesteck über Seidenstoffe bis zur Ausstattung luxuriöser Überseedampfer alles entwarf“, erklärt die Kuratorin.

Das Haus, das er nach eigenen Plänen bauen ließ und bis 1941 bewohnte, wurde im Jahr 2000 unter Denkmalschutz gestellt. „Ein Schmuckkästchen, ein Bijou“, schwärmt Grenier. Die Erben hätten gern ein Follot-Museum hier eröffnet, doch es wurde nichts daraus. Jetzt dienen Erdgeschoß und Hochparterre der Gegenüberstellung zweier Künstler, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Follot, der Fabrikantensohn, lehnte die Moderne ab und schuf fast barock zu nennende opulente Objekte und Interieurs. Der aus einem Bergdorf in Graubünden stammende Giacometti war das älteste von vier Kindern eines angesehenen Malers, stand den Surrealisten nahe und setzte seine Seherfahrung in Plastiken um, die nicht Realität abbilden, sondern ein „imaginäres Bild“ darstellen.

Kein Museum im engeren Sinn

Beide Künstler zusammenzuführen, darin bestand die Herausforderung für Pascal Grasso, den von der Stiftung mit der Instandsetzung beauftragten Architekten. Sein Auftrag war es, einen Dialog in Gang zu setzen zwischen Giacomettis reduzierten Arbeiten und Follots Innenausstattung mit ihrer verträumten Aura. Drei Zielrichtungen habe er dabei verfolgt, berichtet Grasso: das denkmalgeschützte Objekt möglichst unangetastet zu lassen, den Werken des großen Bildhauers einen Platz zu geben und gleichzeitig einen neuen Ort zu kreieren, der mit der Zeit seine eigene Identität erhalten würde.

„Nur ja kein Museum!“, war Grenier's Vorgabe. Ihrer Vision zufolge sollten herkömmliche Konzepte musealer Zurschaustellung transzendiert werden, ihr ging es darum, eine öffentlich zugängliche Sphäre zu schaffen, die genug Intimität aufweisen würde, um hier wissenschaftliche Forschung zu betreiben oder sich in die Lektüre eines Buchs zu vertiefen.

Folgerichtig wurde die Bibliothek zum Mittelpunkt der neuen Institution. Dem interessierten Publikum stellt die Stiftung hier einen bisher unerforschten Schatz zur Verfügung: ihr Archiv mit Zeichnungen, Lithografien und Notizheften des Künstlers – größtenteils unveröffentlicht. Zu den Beständen gehören neben kunsthistorischen Referenzwerken zur Moderne auch private Bücher aus Giacomettis Nachlass.

Die ungewöhnliche Raumhöhe, das Glasdach und die durch eine Treppe erschlossene Galerie erzeugen Werkstatt-Atmosphäre. Das in einer Nische untergebrachte holzgetäfelte Büro Follots mit den beiden in die Wand eingelassenen Ledersitzen neben dem offenen Kamin fungiert – wie eh und je – als Rückzugsort.

Präsentationsflächen, Podeste und Beleuchtungskörper sind einheitlich weiß und heben sich klar vom historischen Dekor ab. Die in den Zwischendecken verankerten stabförmigen Lichtquellen erzeugen ein geometrisches Muster und korrespondieren mit den grafischen Elementen des ursprünglichen Interieurs von Follot. „Entfernen, was mit den Jahren hinzugefügt worden war, und jede Intervention kennzeichnen, um sie nachvollziehen und bei Bedarf rückgängig machen zu können“, beschreibt Grasso seine Vorgangsweise.

Die an die Bibliothek angrenzenden Salons, mit ihren Stofftapeten, den Jugendstilfenstern, den Holztäfelungen und Deckendekors bieten Platz für Ausstellungen. Gezeigt werden sollen bestimmte Aspekte von Giacomettis Œuvre, Beziehungen zu Zeitgenossen, seine Arbeit durch die Linse berühmter Fotografen sowie sein Einfluss auf heutige Generationen.

Wohn- und Arbeitshöhle

Das pochende Herz des Ensembles ist eindeutig das ehemalige Atelier des Bildhauers, das im Originalzustand wiederaufgebaut wurde. Auch als arrivierter Künstler änderte Giacometti an seinem Lebensstil nichts. Er blieb in seiner 23 m2großen Höhle, die ihm Wohnung und Werkstatt zugleich war. Und so, wie er sie mit dem Tod zurückgelassen hatte, wanderte sie im Auftrag seiner Witwe ins Depot.

Fünf Dezennien später sitzen Besucher auf weiß getünchten Stufen wie in einem privaten Amphitheater und blicken auf eine Glaswand, hinter der das kreative Chaos zur Installation wurde. An der durchsichtigen Oberfläche tastet ihr Blick sich vor, erkundet Gegenstände, die der Künstler täglich berührt hat: den Aschenbecher, den grünen Keramikkrug, den hässlichen Hocker, die Rosshaarmatratz, daneben Fragmente seiner Arbeiten, Dutzende von Bürsten und Gipsabdrücken vor dem Hintergrund der berühmten sepiafarbenen Wandmalereien, die an Höhlenmalerei erinnern. Einen Moment lang entsteht das Gefühl, als könnte die Szene sich jeden Augenblick beleben, als würde irgendwo eine Tür aufgehen und eine Stimme ertönen: rau, abgehackt und mit unverkennbarem Akzent.

Kulturtrip

Institut Giacometti: 5 Rue Victor Schoelcher, 75014 Paris, Besichtigung nur nach Voranmeldung.

Aktuell ist die Ausstellung „Cruels objets du désir“ zu sehen. www.fondation-giacometti.fr/institut

Auf die Spuren des Schweizer Malers und Bildhauers begibt man sich in Paris unter anderen ins Café de Flore (172 Boulevard Saint-Germain), dort hat er sich mit Picasso, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir getroffen. Oder im ebenfalls stark frequentierten Les Deux Magots (6 Place Saint-Germain-des-Prés).

Weitere Bilder: in der Fondation Maeght an der Côte d'Azur.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2019)