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Ein Stück Eiserner Vorhang als Souvenir. An der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze, Dezember 1989.
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1989

Als die Tschechen kamen...

Glühwein und Stofftiere für die Kinder. Eine Einladung zum Adventsingen. Pelzhauben und diese Pullover mit V-Ausschnitt. Vor 30 Jahren: die Wende in Prag – und die Grenzöffnung nächst Kautzen, Waldviertel. Erinnerung eines Einheimischen.

Das Leben an der Grenze zur Tschechoslowakei war vor 1989 reichlich eintönig und nicht frei von Unbill gewesen. Für die in den Siebzigerjahren Geborenen und Aufgewachsenen, die Angehörigen meiner Generation, gab es Interessanteres als ein Nachbarland, das schon auf den ersten Blick nicht viel zu bieten hatte. Statt nach Norden schaute man in meinem Waldviertler Heimatort Kautzen – wie anderswo auch – nach unten, in die Metropole Wien, von der man sich Arbeit, Subventionen und Kulturtransfer versprach.

Das letzte Mal, dass die Leben der anderen ins Bewusstsein der Menschen hierorts traten, war im Prager Frühling gewesen, auf den ein langer Winter folgte. Die von Václav Havel so benannte Zeitlosigkeit der tschechoslowakischen „Normalisierung“ schien sich auch auf das österreichische Grenzland ausgedehnt zu haben. Repression und Stagnation des real existierenden Sozialismus „drüben“ dienten freilich im nördlichen Waldviertel als negative Folie, um die real existierende Tristesse hierzulande zu entschuldigen. Die „tote Grenze“ musste als Erklärung für vieles, vor allem für den ökonomischen Niedergang einer ganzen Region herhalten. Der Nachbar war eigentlich nicht existent, wenn, dann in der Erzählung der „drüben“ aufgewachsenen und 1945 vertriebenen böhmischen und mährischen Deutschen. Meine Großmutter hatte in ihrer Küche ein Bild ihres böhmischen Herkunftsortes hängen, der längst zum Sehnsuchtsort geworden war, in dem die Höfe größer, die Wiesen grüner und der Himmel blauer gewesen war als im nur wenige Hundert Meter entfernten Österreich. Ihr Heimatort im Böhmischen wurde wie Hunderte andere auch in den Fünfzigerjahren dem Erdboden gleichgemacht, um eine kilometerbreite, militärisch abgesicherte Grenzzone einzurichten. Das Land im Norden war Terra incognita geworden.