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100 Jahre Schulreform

Wider das „Geistesproletariat“: Otto Glöckel, 1874 bis 1935.
Wider das „Geistesproletariat“: Otto Glöckel, 1874 bis 1935.(c) ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.co

Chancengleichheit, Förderung aller Sinne und Talente, Arbeitsunterricht als Methode der Wahl. So sah sie aus, die Schulreform vor 100 Jahren. Über Otto Glöckel und die Gründung der Staatserziehungsanstalten.

Man schreibt November 1919. Das Nachkriegselend in Wien zeigt sich von seiner hässlichsten Seite: die Kinder blass und mager, Rachitis im Vormarsch, Tuberkulose die häufigste Todesursache unter Jugendlichen. Mitarbeiter ausländischer Kinderhilfsorganisationen berichten über eine Atmosphäre von Verzweiflung und Apathie, welche Alt und Jung mit sich reißt. Zugleich beobachtet man, wie aus den Ruinen ein beeindruckender Schaffensdrang entsteht. Denn nicht alle haben das Vertrauen in die Zukunft verloren – im Gegenteil.

Das Bewusstsein, einerseits den neuen republikanisch-demokratischen Staat zum Wohle gegenwärtiger und künftiger Generationen grundlegend gestalten zu können, andererseits zur Entschärfung der revolutionären Stimmung rasch handeln zu müssen, setzt auch in der Politik enorme Energien frei. Trotz aller Gegensätze arbeitet die seit März 1919 regierende Koalition von Sozialdemokraten und Christlichsozialen noch intensiv zusammen. Zahlreiche vorbildliche Sozialgesetze entstehen in rascher Folge. Auch das Unterrichtsressort gibt ein rasantes Tempo vor. Man könne, so klagen die Abgeordneten in der Nationalversammlung, gar nicht so schnell lesen, wie Otto Glöckel, sozialdemokratischer Unterstaatssekretär für Unterricht, Erlässe herausgebe. Und er solle sich doch etwas Zeit lassen und nicht so tun, als wäre er schon morgen nicht mehr Unterstaatssekretär! Doch Glöckel ist nicht zu stoppen. Eine neue Schule muss geschaffen werden, die dem neuen Staat entspricht, aus der neue Menschen hervorgehen. Und „morgen“ kann schneller kommen, als man meint, denn die Dauerhaftigkeit der Koalition mit den Christlichsozialen ist aufgrund großer weltanschaulicher Gegensätze fraglich.