Diese „Helena“ ist eine Falsche

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(c) APA (HANS KLAUS TECHT)

Luc Bondy betont das Lachhafte in einem späten Drama des Euripides. Birgit Minichmayr wirkt im komischen Fach und als heulende Helena phänomenal, das Tragische aber stürzt bei ihr im Vergleich ab.

Das heitere und das ernste Spiel hat Luc Bondy bei seiner Inszenierung von „Helena“ ohne Rücksicht auf Stilbrüche miteinander verknüpft, Am Mittwoch gab es im Burgtheater also eine doppeldeutige Premiere im Rahmen der Wiener Festwochen. Die spröde und eigenwillige, manchmal modische Übersetzung stammt von Peter Handke. Sie schwankt ebenfalls zwischen hohem Ton und tiefer Farce. Diese wilde Mischung ist wohl ganz im Sinne des sprachkritischen Euripides (zirka 480 bis 406 v. Chr.), des letzten großen attischen Dramatikers, der zur Zeit des Sokrates gelebt hat und ebenso spitzfindig war. Dem Festwochen-Intendanten ist eine frische Interpretation dieses wenig gespielten Klassikers gelungen, bei dem Sein und Schein ständig durcheinandergeraten. Nicht alles aber ist an dieser Inszenierung gelungen. Sie mutet schizophren an.

Das sieht man vor allem an der Titelrolle. Birgit Minichmayr wirkt im komischen Fach und als heulende Helena phänomenal, das Tragische aber stürzt bei ihr im Vergleich ab. Vor allem die erste halbe von knapp zweieinhalb Stunden ist uninspiriert. Das bessert sich erst, als Johann Adam Oest als ägyptischer Herrscher Theoklymenos auftritt. Er ist umwerfend, eine Parodie heutiger Diktatoren von Libyen bis Pjöngjang – tätowiert, mit dunkler Sonnenbrille, den Revolver immer griffbereit im Gurt, um russisches Roulette zu spielen oder Griechen abzuknallen. Er ist der dumme August, der sophistisch reingelegt wird, durch ein falsches griechisches Begräbnis auf See. Das ist entscheidend hier, denn das Drama lebt nicht von Handlung, sondern von Argumenten.

 

Troja wurde umsonst gestürmt

Theo stellt Helena nach, die unter seinem Vater Proteus (dem Wandelbaren) vor 17 Jahren Schutz gefunden hat. Nach dem zynischen Mythos in der Interpretation des Euripides muss man nämlich die Geschichte des Trojanischen Krieges umschreiben. Er wurde dadurch ausgelöst, dass Paris die Helena entführte, deren Gatte Menelaos daraufhin alle Griechen mobilisierte. Das große Schlachten begann. Völlig umsonst, sagt uns Euripides, der zur Zeit des Peloponnesischen Krieges lebte. Denn in seiner komischen Tragödie wurde Paris nur ein Trugbild unterschoben, die wirkliche Helena von Gott Hermes nach Ägypten gebracht.

Wir sehen sie nun am Grab des Proteus sinnieren, das an der Rampe ausgehoben wurde. (Als ob die Bühne nicht schon riesenhaft genug wäre – Karl Ernst Herrmann hat sie weit ins Parkett vorgebaut, eine schiefe Ebene mit schwindelerregender Perspektive, wie in einem Bild von de Chirico. Links ein Bibliotheksturm, durch die Mitte ein Kanal, der Blut oder Wasser führt, hinten die Lichter am Ufer des Nils, rechts ein Schiffswrack. Ganz rauf in den höchsten Rang führt ein leuchtendes Seil, ein Blitz.)

Der Götterblitz wirkt sofort; kaum hat sich Helena vor einer Zwangsehe gegrämt, ist schon ein gestrandeter Grieche zur Stelle. Teukros (Dietmar König) kündet von Menelaos (Ernst Stötzner). Und als der schließlich auftaucht, in Begleitung eines flatterhaften Helena-Luftgeistes, weiß man: Es geht gut aus, spätestens mit Helenas Brüdern Castor und Pollux als doppeltem Deus ex Machina (es hallt die Stimme Hans-Michael Rehbergs aus dem Off). Denn sowohl der Chor als auch die prophetische Schwester des Königs (Andrea Clausen) unterstützen die Rückkehr des Paares nach Griechenland, und auch eine Greisin (Libgart Schwarz) blockt. Die beiden spielen fantastische Tragödie, Stötzner als Held, Markus Hering und Branko Samarovski (als Boten) durchbrechen die Tragik bereits, während Oest und Minichmayr sie bis zur Farce verfremden. So erhält das Stück die erforderliche Widersprüchlichkeit.

Bondy hat sie lässig herausgearbeitet, so ungewöhnlich lässig, dass Minichmayr bei den ernsten Passagen unschlüssig wirkt. Die Glanzleistung bei dieser Inszenierung aber ist der luxuriös besetzte Mädchenchor, in dem auch Mavie Hörbiger und Mareike Sedl mitwirken. „Wild Thing“ von den Troggs wird gespielt, der Wendepunkt, es haut die Mädchen um, aber schon sitzen sie wieder an den Büchern, rappen ihren gemeinsamen Part in verteilten Rollen. Dieser Chor tröstet und hilft. Es sind noch Lieder zu singen, jenseits des Nils. Am Schluss, als Helena schon daheim ist, huscht eine zweite Helena über die Bühne. Eine Falsche in Wirklichkeit? Oder eine listige Täuschung?

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Piano Position 1