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„His Dark Materials“: Dieses Mädchen ist nicht süß

Lyra (Dafne Keen) und ihr „Dæmon“, ihr sprechender Begleiter in Tiergestalt.
Lyra (Dafne Keen) und ihr „Dæmon“, ihr sprechender Begleiter in Tiergestalt.(c) Sky

Philip Pullmans Jugendbuch-Trilogie „His Dark Materials“ startet als Serie auf Sky. Sie fängt den Geist der kirchenkritischen Vorlage besser ein als die erste Verfilmung.

Show, don't tell, lautet ein Ratschlag für Geschichten: Zeige statt zu erzählen. Der Anfang der aufwendig produzierten HBO/BBC-Koproduktion „His Dark Materials“ tut aber genau das: Er erzählt von „einer Welt, die anders ist als unsere, unserer aber ähnelt“. Die eingeblendete Schrift informiert darüber, dass diese Welt beherrscht wird von religiöser Macht. Und jeder Mensch habe einen „Dæmon“: einen sprechenden Begleiter in Tiergestalt, externalisierter Teil des eigenen Ich. Die Mode erinnert an die 1940er-Jahre, die Technik vereint futuristische und altmodische Elemente: statt Flugzeugen fliegen Zeppeline. Hinzu kommen Hexen, und durch England ziehen Gypter genannte Roma-Clans.

Das ist anders, aber so anders als unsere Welt auch wieder nicht, und sprechende Tiere hat man auch schon gesehen. Wozu also die Erklärung? Sie mag mit dem Scheitern der ersten Verfilmung von Philip Pullmans Jugendbuch-Trilogie zu tun haben. Trotz Starbesetzung mit Daniel Craig und Nicole Kidman floppte der Hollywood-Film „Der Goldene Kompass“ 2007. Die Geschichte war zu verworren und gleichzeitig zu glattgebügelt, die Figuren nicht auf Anhieb sympathisch.

 

Kompass, der Lügen entlarvt

Letzteres hat sich auch in der Neufassung als Serie nicht geändert: Lyra (Dafne Keen), die Heldin, ist kein süßes Kind. Das Waisenmädchen lebt in der Universität Oxford, wo sie über Dächer turnt und ihren netten Lehrer hereinlegt. Sie lügt, ist stur und auch ein bisschen lästig. Vor allem ihrem Onkel Lord Asriel (James McAvoy), der in der ersten Folge von einer Nordpol-Expedition zurückkehrt, wo er mysteriösen Staub erforscht. Lyra bewahrt ihn davor, vergiftet zu werden. Er dankt es ihr, indem er wieder ohne sie abreist. Nur gut, dass sich eine andere Gelegenheit ergibt, die schützende, beengende Welt der Universität zu verlassen: Lyra wird Assistentin der charmanten Marisa Coulter (Ruth Wilson) in London. Zum Abschied bekommt sie vom Rektor noch einen „Goldenen Kompass“ geschenkt, der Lügen entlarven kann. Sie wird ihn brauchen, denn kurz vor ihrer Abreise verschwindet ihr bester Freund Roger (schon süß: Lewin Lloyd). Er ist nicht das einzige Kind, das plötzlich unauffindbar ist.

Und die sprechenden Tiere? Die spielen in der Serie eine untergeordnete Rolle. In den Romanen funktionieren sie bei den Kindern oft als Gewissen, bei den Erwachsenen werden sie zu Komplizen, es gibt viele Dialoge zwischen Mensch und Dæmon. In der Serie kommen sie seltener vor. Mit Tieren zu drehen ist teuer, und Special Effects sind es auch. Man vermisst sie nicht. „His Dark Materials“ ist nämlich vor allem ein Bildungsroman: Lyra, die man lieben lernt, reift zur Erwachsenen heran. Das wilde Mädchen wird – so viel darf man verraten – trotzdem nie gezähmt. Das macht die unsentimentale Trilogie außergewöhnlich, wie auch ihre deutliche Kritik am Klerus. Pullman konzipierte seine Romane bewusst als Gegensatz zu den christlich geprägten „Chroniken von Narnia“. In der Serie, von der jede Woche nur eine Folge gesendet wird, dürfte das deutlicher zu spüren sein als im zurechtgestutzten Film. Im Gegensatz zu Hollywood brauchen sich HBO und BBC nicht nach der Masse der US-Kino- und Kirchgänger zu richten. Die Produktionssender sind sich des Erfolgs der Serie sicher. Eine zweite Staffel ist bereits fixiert. Die Erklärung am Anfang: Bei „Star Wars“ hat sie auch funktioniert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2019)