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Interview

Georg Knill: „Brauchen Bekenntnis zum Produktionsstandort“

Georg Knill: „Industrie investiert weiter in F & E und Qualifikation, um wettbewerbsfähig zu sein.“(c) Marija Kanizaj
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IV-Steiermark-Präsident Georg Knill pocht auf schnelle Reformschritte, die die nächste Bundesregierung setzen muss. Mehr als 100 Entscheidungsträger haben 106 Lösungen für die Steiermark erarbeitet.


Herr Präsident, der Unmut in der Unternehmerschaft steigt. Es brauchte dringend Entlastung für die Wirtschaft. Doch mit der Neuwahl und den Koalitionsverhandlungen steht das „politische Entscheidungsleben“. Bis wann rechnen Sie, dass wir wieder eine funktionierende Regierung haben, die die begonnenen Reformschritte wieder aufnimmt?

Georg Knill: Die zeitliche Komponente ist wichtig, zentraler sind jedoch Qualität der Inhalte und die Prioritätensetzung. Die kommenden Monate bergen insbesondere mit Blick auf die konjunkturellen Entwicklungen einige Herausforderungen. Den Reformweg in Österreich weiterzugehen ist auf mittlere und lange Sicht für den Industriestandort essenziell.

Was braucht es im Besonderen für die Industriebetriebe?

Steuern, allen voran die KSt und die Abgabenlast müssen generell reduziert werden. In der Klimapolitik müssen wir auf technologische Innovationen von Unternehmen setzen, statt diese durch weitere Belastungen zu verhindern. Im Bereich Forschung und Innovation ist die Forschungsprämie ein Standort-Asset, das wir unbedingt in dieser Form beibehalten müssen.

Wäre das mit einem türkis-grünen Regierungskurs umsetzbar?

Es geht um den Standort und seine Wettbewerbsfähigkeit, die wir stets im Blick haben. Diesen Fokus erwarten wir auch von jeder Regierung, ganz gleich, wie sie sich zusammensetzt. Essenziell für die kommende Bundesregierung sind das klare Bekenntnis und Bewusstsein für den Produktionsstandort Österreich sowie die hohe Sensibilität für die konjunkturelle Situation.

Auch in der Steiermark wird in den nächsten Tagen gewählt. Welche Vorhaben aus Wirtschaftssicht muss die neue Regierung in den nächsten fünf Jahren angehen?

Über 100 Entscheidungsträger der steirischen Industrie und Wissenschaft haben in der Industriellenvereinigung 106 Lösungen für die Steiermark erarbeitet. Vorrangig zum Beispiel setzen wir uns für die langfristige Finanzierungszusage für die Comet-Zentren ein. Wir schlagen auch vor, die Verwaltung der Steiermark in sogenannten Functional Areas neu zu denken. Dabei geht es um die Ausrichtung der Strukturen an konkreten Aufgaben – und nicht an bestehenden regionalen Grenzen oder Befindlichkeiten. Weitere Anliegen sind beispielsweise WLAN an allen steirischen Schulen, um neue pädagogische Konzepte einsetzen zu können, die Nutzung der sich durch den Koralmtunnel bietenden Chancen, der bestmögliche und systematische Abgleich von Qualifikationsbedürfnissen mit Aus- und Weiterbildungsangeboten oder der Ausbau der A9 von Graz bis Spielfeld und der S-Bahn nach Maribor. In puncto Schieneninfrastruktur brauchen wir als stark exportorientiertes Land aber auch funktionierende und belastbare Wege zu den großen Häfen. Der Neubau des Bosrucktunnels auf der Pyhrn-Schober-Achse für den Güterverkehr ist in dieser Hinsicht zentral.

Die Wirtschaft trübt sich (weltweit) ein, Österreichs wichtigster Handelspartner, Deutschland, steuert Richtung Rezession. Was bedeutet das für die steirischen Industriebetriebe?

Entwicklungen in unserem Exporthauptmarkt gehen natürlich nicht spurlos an uns vorbei. Teilweise kompensieren die Märkte in Osteuropa diese Eintrübung. Allerdings kommen Hürden in der US-Handelspolitik, dem Brexit und viele offene technologische Fragen, insbesondere in der Frage der Mobilität der Zukunft, hinzu. Diese globalen Themen wirken sich auf Branchen wie auch auf einzelne Unternehmen unterschiedlich intensiv aus. Fest steht wohl, dass die hochkonjunkturelle Phase von 2015 bis 2018 nicht die neue Normalität der Steiermark darstellt. Fest steht aber auch, dass die Industrie weiter in F & E und Qualifikation investieren wird, um wettbewerbsfähig zu sein. Seitens der nationalen und der Landespolitik gilt es, den dafür bestmöglichen Rahmen zu bieten.

Letzte Frage, aber ein Dauerbrenner: der Arbeitskräfte- und Lehrlingsmangel für die Industrie. Welche Konzepte braucht es, um dieses Problem in den Griff zu kriegen?

Hier verweise ich wieder auf unsere 106 Lösungen für die Steiermark. Talente fördern, Berufsorientierungsangebote ausbauen, Digtial Skills und Weiterbildung forcieren bis hin zu einer Implementierung einer eigenen HR-Strategie in der steirischen Forschungsstrategie – es gibt es eine Fülle an Ideen, die wir bereits an die Landespolitik herangetragen haben.

Zur Person:

Georg Knill ist Unternehmer und Präsident der Industriellenvereinigung Steiermark.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2019)