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Ausbildung und Forschung

Steirische Betriebe suchen ihre Mitarbeiter schon im Kindergarten

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Der Mobilitätscluster forciert die Kooperation zwischen Betrieben und Unis.(c) BIG SHOT

Bei der Forschungs- und Entwicklungsquote ist die Steiermark in Österreich Nummer eins. Auch bei Universitäten und Fachhochschulen ist sie gut aufgestellt.

Wer einmal die existenzielle Erfahrung gemacht hat, dass wie in den vergangenen zehn Jahren der große Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern vom Markt nicht gedeckt werden kann, setzt mitunter radikalere Schritte. Die steirische AVL etwa. Zum Zweck der Frühförderung des Nachwuchses hat das Grazer Vorzeigeunternehmen für die Entwicklung von Antriebssystemen sogar den Betriebskindergarten spezialisiert. Die Kleinen lernen dort nicht nur Englisch – sie beschäftigen sich schwerpunktmäßig gleich auch noch mit Technik.

Kein Wunder für ein Hightech-Unternehmen, das mit den führenden Autokonzernen zusammenarbeitet und dafür weltweit 10.400 Mitarbeiter beschäftigt, davon 4.500 in Graz. Da wird wahrlich jeder Strohhalm ergriffen, um zu qualifizierten Leuten zu kommen.

Wie AVL geht es vielen Unternehmen in der grünen Mark. Dabei besteht dort an Ausbildungsstätten ein dichteres Netz als in vielen anderen Bundesländern. Allein an technischen Universitäten zählt die Steiermark zwei: die Technische Universität Graz und die Montanuniversität Leoben, die österreichweit einzige Hochschule für Berg- und Hüttenwesen mit knapp 4.000 Studierenden. Wie so vieles im Land geht sie auf eine Initiative des Modernisierers Erzherzog Johann im 19. Jahrhundert zurück.

Nach ihm benannt ist etwa auch die Fachhochschule Joanneum mit ihren drei Standorten in Graz, Bad Gleichenberg und Kapfenberg, wo im Übrigen die Voestalpine im Vorjahr den Bau des weltweit modernsten Edelstahlwerks gestartet hat (Kapfenberg setzte sich laut Konzern aufgrund des Know-hows der Mitarbeiter gegen ausländische Standortkonkurrenz durch). 4.300 Studierende wählen in der FH zwischen den Departments Angewandte Informatik, Bauen, Energie und Gesellschaft, Engineering, Gesundheitsstudien, Management sowie Medien und Design.

Die FH Joanneum, neben den HTLs die wichtigste außeruniversitäre Ausbildungsstätte für Fachkräfte, ist eine Gründung der Joanneum Research, der größten außeruniversitären Forschungsinstitution in der Steiermark mit Standorten bis Klagenfurt und Wien. Knapp 500 Mitarbeiter forschen in den Einheiten: Materials, Health, Digital, Policies, Robotics, Life und Coremed (Regenerative Medizin).
Insgesamt hält die Steiermark bei der Quote für Forschung und Entwicklung im Bundesländervergleich seit Jahren Platz eins. Gerade die Kooperation der Betriebe mit den Hochschulen sei diesbezüglich die wichtigste Säule, meint Georg Knill, Präsident der Steirischen Industriellenvereinigung.

Die Kooperation wurde wesentlich vom ACstyria Mobilitätscluster (Automotive, Aerospace, Bahntechnik) angestoßen, einem 1995 initiierten Netzwerk und Bindeglied zwischen Wirtschaft, Forschung und öffentlichen Institutionen.

Dennoch können all diese Einrichtungen die – gerade auch von ihnen selbst geschaffene – Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften nicht erschöpfend bedienen. Und so jagen die Unternehmen europaweit nach ihnen. Und bauen parallel dazu ihren Nachwuchs wie AVL schon im Kindergarten auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2019)