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Gastkommentar

Der Antikapitalismus als der neue Zeitgeist

(c) Peter Kufner
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Gastkommentar. Während die Welt einen dramatischen Wandel mitmacht, verliert der Kapitalismus immer mehr an Attraktivität.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

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Wir werden gerade Zeugen des dramatischsten technologischen und wirtschaftlichen Wandels in der Geschichte der Menschheit. Wir erleben auch, dass der Kapitalismus weltweit an Attraktivität verliert. Besteht ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Trends? Und wenn ja, welcher?

Es ist verlockend zu sagen, dass die wachsende Unbeliebtheit des Kapitalismus einfach ein Symptom des Luddismus ist – den Impuls, der Handwerker in der Anfangsphase der Industriellen Revolution dazu veranlasste, die Maschinen zu zerstören, die ihre Arbeitsplätze bedrohten.

Aber diese Erklärung greift zu kurz, um die Komplexität der heutigen Bewegung gegen den Kapitalismus zu erfassen, die weniger von notleidenden Arbeitern als vielmehr von Intellektuellen und Politikern angeführt wird. Die gegenwärtige antikapitalistische Welle kommt zu einer Zeit, in der die neoliberale Politik des freien Marktes und die Globalisierung fast überall gebrandmarkt werden. Der Widerstand gegen den Neoliberalismus ging ursprünglich von den Linken aus, er ist inzwischen aber – vielleicht sogar noch energischer und erbitterter – von der populistischen Rechten als Thema entdeckt worden.

 

Reaktion auf Destabilisierung

Immerhin gab es in der Rede der ehemaligen britischen Premierministerin Theresa May aus dem Jahr 2016, die kosmopolitische „Weltbürger“ als „Bürger von Nirgendwo“ anprangerte, mehr als einen Anflug von antikapitalistischer Stimmung, wie wir sie aus der Zwischenkriegszeit kennen. Oder wie es ihr Nachfolger, der derzeitige britische Premierminister Boris Johnson, noch lapidarer formulierte: „Fuck business“ („Scheiß auf die Wirtschaft“).

In den Vereinigten Staaten eiferte der Fox-News-Moderator Tucker Carlson dem Pathos der Trump'schen Rechten in langen Schimpftiraden gegen den Kapitalismus nach und beschwerte sich über „Söldner, die keine langfristige Verpflichtung gegenüber den Menschen fühlen, die sie regieren“ und die „sich nicht einmal die Mühe machen, unsere Probleme zu verstehen“.

Der neue Zeitgeist lässt sich teilweise als eine vorhersehbare Reaktion auf die finanzielle Destabilisierung erklären. So wie die monetären Bedingungen nach dem Ersten Weltkrieg unfair schienen und eine heftige Reaktion hervorriefen, hat die Finanzkrise 2008 eine weit verbreitete Annahme genährt, dass das System ein abgekartetes Spiel ist.

Während Regierungen und Zentralbanken große Finanzinstitute retteten, um einen Zusammenbruch des gesamten globalen Finanzsystems und eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wurden die Millionen von Menschen, die ihre Häuser und Arbeitsplätze verloren hatten, sich selbst überlassen.

Allein die Finanzkrise war ausreichend, um der antikapitalistischen Stimmung den Boden zu bereiten. Doch sie fiel zudem mit einem viel breiteren technologischen und sozialen Wandel zusammen. Innovationen wie Smartphones – das iPhone wurde 2007 vorgestellt – und neue Internetplattformen haben die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren und Geschäfte tätigen, grundlegend verändert.

Die neue Geschäftswelt steht in vielerlei Hinsicht im Widerspruch zum Kapitalismus, weil sie auf undurchsichtigen Zahlungen und asymmetrischen oder zweiseitigen Märkten basiert. Wir erhalten Dienstleistungen nun, indem wir unsere personenbezogenen Daten „verkaufen“. Aber wir sind uns nicht wirklich bewusst, dass wir an einer Markttransaktion beteiligt sind, denn es gibt kein sichtbares Preisschild: Wir bezahlen mit unserer Privatsphäre und unserer persönlichen Autonomie.

 

Nullsummendenken ist Mode

Gleichzeitig ist Nullsummendenken zur vorherrschenden Form der ökonomischen Analyse geworden. Auch dies hat seine Wurzeln eindeutig in der Finanzkrise. Es wurde aber auch durch die neuen Informationstechnologien (IT) gefördert, da Netzwerkeffekte in Märkten, in denen einer gewinnt und der Rest leer ausgeht – insbesondere in Bezug auf die Plattformwirtschaft und die Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) –, eine wichtige Rolle spielen.

Je mehr Menschen sich in einem Netzwerk befinden, desto wertvoller wird es für jeden Nutzer, und desto weniger Platz gibt es für andere Akteure auf dem Markt.

In einer berühmten Avis-Werbung aus dem Jahr 1962 heißt es: „When you're only No. two, you try harder“ („Wenn man nur die Nummer zwei ist, gibt man sich mehr Mühe“). Doch wenn man heutzutage die Nummer zwei ist, hat das keinen Sinn. Man hat schon verloren. Darüber hinaus hat der neue IT- und KI-Kapitalismus eine bestimmte geografische Lage. Er hat seine Wurzeln in den USA und China, aber die Chinesen wollen bis 2030 die Vorherrschaft erlangen.

 

Banken werden verschwinden

Kapitalismus war seit der Zwischenkriegszeit gleichbedeutend mit Amerika. Heute wird er jedoch zunehmend mit China in Verbindung gebracht und fordert Einwände aus anderen Quellen als in der Vergangenheit heraus.

Mit Blick auf die Zukunft werden sich die radikalen Veränderungen in der Welt nach der Finanzkrise weiter entfalten, und die IT-/KI-Revolution wird den Charakter der meisten wirtschaftlichen Aktivitäten verändern. Die Banken werden verschwinden, nicht weil sie böse sind oder ein systemisches Risiko bedeuten, sondern weil sie weniger effizient sind als die neuen Alternativen.

Trotz aller Verbesserungen in der elektronischen Kommunikation sind die Bankkosten und -gebühren kaum gesunken. Für viele Kunden in Regionen mit Null- oder Negativzinsen sind die Gebühren sogar gestiegen. Irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft werden die meisten Bankdienstleistungen wahrscheinlich entbündelt und einzeln – und auf neue und verbesserte Weise – über Onlineplattformen angeboten.

Die Genialität des Kapitalismus liegt in seiner Fähigkeit, grundlegende Antworten auf viele Probleme der Knappheit und Ressourcenallokation zu finden. Märkte neigen dazu, Ideen zu belohnen, die sich als am nützlichsten erweisen, und dysfunktionales Verhalten zu bestrafen. Sie können, anders als Staaten, zu Ergebnissen auf breiter Basis führen, indem sie zahllose Individuen dazu bringen, ihr Verhalten als Reaktion auf Preissignale anzupassen.

 

Wir alle sind jetzt gefragt

Angesichts der globalen Erwärmung besteht offenbar Bedarf an effektiven Möglichkeiten, die Treibhausgasemissionen zu begrenzen. Aber auch ein so kompliziertes Problem wie der Klimawandel sollte nicht den Technokraten überlassen werden. Wir alle sind gefragt, als Bürger und als Marktteilnehmer.

Die Verfechter des Kapitalismus ihrerseits müssen herausfinden, wie sie das System wieder integrativer gestalten, damit sie erneut die Unterstützung der Öffentlichkeit gewinnen können.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow
Copyright: Project Syndicate, 2019.

Der Autor

Harold James (* 1956 in Bedford) studierte in Cambridge Wirtschaftsgeschichte. Seit 1986 lehrt er als Professor in Princeton Geschichte und Internationale Politik und ist Senior Fellow am kanadischen Center for International Governance Innovation. Zahlreiche Publikationen. Zuletzt erschien 2016 seine Studie „The Euro and the battle of ideas“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2019)