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Weiblich, alt, still – und Opfer

Gewalt gegen Frauen ist weltweit ein Thema. Sie betrifft alle Gesellschaftsschichten und jedes Alter.
Gewalt gegen Frauen ist weltweit ein Thema. Sie betrifft alle Gesellschaftsschichten und jedes Alter.(c) APA/AFP/KENZO TRIBOUILLARD (KENZO TRIBOUILLARD)

Gerade bei Frauen gibt es wenig Daten zu Gewalterfahrungen im Alter. Oft schweigen sie aus Scham, Angst – oder weil sie sich nicht mehr wehren können.

Wien. Es sind Geschichten wie diese: Eine ältere Frau wird zuhause gepflegt – ihr Mann, ebenfalls schon etwas betagt, wohnt auch daheim. Ihrem Physiotherapeuten fallen schließlich die blauen Flecken an ihren Beinen auf. Offenbar dürfte ihr Ehemann regelmäßig rabiat werden – und sie gegen das Schienbein treten. Der einzige Sohn negiert den Vorfall. Wie kann man der Frau helfen?

Es sind Fälle wie diese, aber auch „Klassiker“ wie Raubüberfälle über die sich das Zentrum für Gerichtsmedizin der MedUni Wien, der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser und die Volksanwaltschaft derzeit mit der Ringvorlesung „Eine von fünf“ Gedanken macht. Denn die Gewalt gegen Ältere ist fast unerforscht, sie funktioniert anders als bei jüngeren – gleichzeitig gibt es immer mehr ältere Frauen.

 

1 Sind ältere Frauen mehr von Gewalt betroffen als jüngere Frauen? Was ist hier anders?

Das kann man so nicht sagen. „Ältere Frauen sind anders betroffen. Es sind andere Gewaltformen“, erklärt Andrea Berzlanovich, Leiterin des Fachbereichs Forensische Gerontologie an der MedUni, die die Ringvorlesung leitet. Abgesehen von Übergriffen wie Raubüberfälle und Gewalt in der Partnerschaft gibt es bei Älteren oft eine subtile oder psychische Gewalt. Etwa indem sie in der Pflege vernachlässigt werden. Oft, sagt Berzlanovich, würden das Angehörige oder selbst Pflegende gar nicht als Gewalt wahrnehmen. Umgekehrt können sich aber gerade ältere Frauen nicht mehr wehren. Sie schweigen aus „Angst, Abhängigkeit, Schuldgefühlen und Scham.“

 

2 Probleme in der Pflege gibt es auch bei Männern, das betrifft nicht nur Frauen.

Stimmt, sagt Berzlanovich. Trotzdem gehen Volksanwalt Bernhard Achitz und Frauenhäuser-Geschäftsführerin Maria Rösslhumer davon aus, dass ältere Frauen mehr Gewalt erleben als ältere Männer. Auch, weil sie länger leben. In Pflegeheimen etwa seien 70 bis 80 Prozent Frauen. In Gewaltschutzzentren wurden 2018 rund 18.500 Personen betreut. 91 Prozent der Gefährder waren Männer.

 

3 Was für Zahlen zu Gewalt an älteren Frauen gibt es denn jetzt?

Laut einer EU-Studie aus dem Jahr 2014 erleben 19 Prozent aller Frauen über 60 Jahre Gewalt ab ihrem 15. Lebensjahr in der Partnerschaft (bei jungen Frauen ist es ähnlich). Bei weiteren 17 Prozent ging die Gewalt nicht vom Partner aus. Berzlanovich hält die Dunkelziffer für höher – eben weil sich die Opfer oft nicht melden. In der Österreichischen Kriminalitätsstatistik gibt es jedenfalls fast doppelt so viele Anzeigen bei Gewalt gegen Unter-14-Jährige als Über-65-Jährige. Grundsätzlich wird jede fünfte Frau körperlicher und/oder sexueller Gewalt im Lauf ihres Leben ausgesetzt. Die Zahl der Frauenmorde ist von 2014 (19 Morde) stark gestiegen auf 41 Morde im Jahr 2018.

 

4 Wie erreicht man ältere Frauen, wie kann man ihre Situation verbessern?

Derzeit erreicht man sie eher schlecht. Udo Jesionek, Präsident des Opferschutz-Vereins Weißer Ring kritisiert, dass „bei Gewalt in der Partnerschaft die Polizei die Gewaltschutzzentren verständigt. Wenn die Frau aber nicht in einer Partnerschaft Gewalt erlebt, wird niemand verständigt.“ Dabei hätten gerade ältere Frauen oft niemanden, mit dem sie reden können. Expertin Berzlanovich urgiert, dass in Ambulanzen mehr aufklärt wird. Ein Gesetz, das Opferschutzgruppen im Krankenhaus vorsieht, gebe es seit 2011, sagt Rösslhumer. Allerdings werde es nicht überall umgesetzt. „Und dafür gibt es keine Konsequenzen“ Auch gebe es kaum Plätze in Gewaltschutzeinrichtungen, damit pflegebedürftige Frauen aufgenommen werden können. „Das gehört ausgebaut.“

Auf einen Blick

Eine von fünf. Die Ringvorlesung zum Thema „(Un-)Sichtbare Gewalt gegen ältere Frauen“ findet von 26.11. bis 10.12. jeweils von 16 bis 19 Uhr im Hörsaal des Zentrums für Gerichtsmedizin statt. Anmeldung über das Uni-System für Studierende. Interessierte Berufstätige melden sich unter: studref-gerichtsmedizin@meduniwien.ac.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2019)