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US-Bann

Huawei stoppt Prestige-Projekt Kärntner Straße

Die Huawei-Türen auf der Kärntner Straße bleiben verschlossen.(c) Die Presse/Clemens Fabry

Huawei hat eine Fristverlängerung erhalten und darf wieder mit einigen US-Anbietern zusammenarbeiten. Aber der Smartphone-Bereich steht vor dem Kollaps.

Seit Mitte Mai steht der chinesische Hersteller auf einer schwarzen Liste. US-Unternehmen ist seitdem die Zusammenarbeit mit Huawei verboten. Nun gibt es eine erste Lockerung: Mit der Fristverlängerung bis zum 16. Februar 2020 wurden auch Sonderlizenzen vergeben. Von den 300 eingebrachten Anträgen von US-Unternehmen wurden 150 als nicht sicherheitsrelevant eingestuft. Darunter auch Microsoft. Der Konzern darf wieder Software an Huawei liefern. Google scheint nicht unter diesen Auserwählten zu sein. Am Smartphone-Markt wird sich Huawei ohne Alternativen nicht mehr lange halten können. Dass der Shop in Wien nun nicht kommen wird, liege aber nicht am US-Bann, erklärt Huawei in einem Statement auf „Presse"-Anfrage.

Huawei hat sich nun mehr als ein halbes Jahr gut über den Bann gerettet. Das wird aber nicht auf Dauer funktionieren. Der Konzern versucht deswegen auf allen Ebenen zu agieren. Einerseits wird daran gearbeitet, den Bann aufheben zu lassen und wichtige, strategische Partner wieder zurück zu gewinnen. Bestehende Geräte werden so weit wie möglich geändert, um nicht in den Android-Lizenzierungsprozess zu müssen, um so weiterhin "neue" Smartphones anbieten zu können. Spätestens im Februar, wenn die Tech-Welt nach Barcelona blickt, wird Huawei mit leeren Händen für den europäischen Markt dastehen. Ob das Tochterunternehmen Honor hier Hilfestellung bieten kann, bleibt abzuwarten.

US-Bann habe nichts mit Stopp des Wiener Geschäfts zu tun

Das Prestige-Projekt ist Geschichte. Die Schlüssel wurden übergeben und ein neuer Mieter bereits gefunden. Das angekündigte Geschäft in der Wiener Kärntner Straße, nur einen Steinwurf vom Apple-Store entfernt, wird  nun doch nicht eröffnen. Ein Zusammenhang mit dem US-Bann sei nicht gegeben. "Durch die Änderung unserer Strategie wurde die Eröffnung des ersten Huawei-Flagshipstores in Wien gestoppt", heißt es dazu in einer Stellungnahme. Man wolle sich stattdessen auf die Zusammenarbeit mit den Handelspartnern konzentrieren. Vier neue Service-Center sind in Österreich geplant und es werden weitere Shop-in-Shop-Lösungen kommen, erklärt das Unternehmen.

In Spanien gibt es einen Huawei-Shop und dort startete man zwischenzeitlich ein spannendes Projekt: Das Mate 30 Pro wird ohne Google-Apps angeboten. Wie dieser „Testballon“ funktioniert, lässt sich schwer abschätzen. Sollte es aber erfolgreich sein, ist es durchaus möglich, dass das Huawei Mate 30 auch in anderen europäischen Ländern angeboten wird.

Das Gerät wurde im September vorgestellt. Es ist das erste Huawei-Smartphone, das unter den Bann fällt. Aufgrund der fehlenden Google-Lizenzen läuft es mit einer Open-Source-Version des aktuellen Android 10 (Android Software Open Platform). Dementsprechend fehlt das komplette Google-Ökosystem; angefangen beim PlayStore bis hin zu YouTube. Ein "Sideload" ist seit Oktober nicht mehr möglich.

Die Regale leeren sich

Das von Ren Zhengfei gegründete Unternehmen bewies in den letzten sechs Monaten über Ideenreichtum. Während mit strategisch wichtigen US-Partnern an einer Lösung des Banns gearbeitet wurde, versuchten die Firmenanwälte Schlupflöcher in dem Dekret des Telekommunikations-Notstands zu finden. Inwieweit das Tochterunternehmen Honor auch dem US-Bann unterliegt, wird von Experten kontrovers diskutiert.

Zwischenzeitlich wurden bereits lancierte Geräte technisch umgerüstet, neu eingefärbt und mit neuem Namen wieder auf den Markt gebracht; darunter das Honor 20, das aktuell als Nova 5T angeboten wird. Dahinter verbirgt sich ein einfacher Grund: Die geringfügigen Anpassungen machen einen neuen Lizenzierungsprozess bei Google unnötig. Damit können die Smartphones in vollem Funktionsumfang angeboten werden. Die Strategie hat ein Ablaufdatum.

Die Verkaufszahlen sind im Vergleich zum Vorjahr nur leicht gesunken. Der Preisverfall hat in Europa zu einer erhöhten Nachfrage geführt. In China haben die US-Sanktionen zu einem Sturm der Solidarität geführt. Mehr als 52 Mio. Geräte wurden verkauft, ein Gesamtplus von knapp 40 Prozent im dritten Quartal. Ohne neue Geräte kann dieser Erfolg aber nicht mehr lange aufrecht erhalten werden.