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Céline Dion: Eine Drama Queen mit vielen Gesichtern

Das Album: Celine Dion Courage (Sony).
Das Album: Celine Dion Courage (Sony).

Auf ihrem zwölften Album „Courage“ inszeniert sich Céline Dion vielseitiger denn je: Mit ihrer Hochoktanstimme fräst sie durch EDM, R&B und Reggae und die vielen unvermeidlichen Powerballaden.

Mit zweierlei war nicht zu rechnen. Damit, dass Céline Dion, die jahrzehntelang als ideale Verkörperung der Powerballade galt, sich dem Dancefloor zuwenden könnte. Und damit, dass sie es als doch recht steif anmutende Kommerzsängerin jemals zu Kultstatus schaffen könnte. Beides ist nun passiert. Der angesagte Rapper wie Drake stellte sich bei den Billboard Awards 2017 für ein Selfie mit ihr an. Jüngst wurde sie bei der Pariser Fashion gefeiert, inszenierte sich in allerlei gewagten Kostümierungen auf und neben dem Laufsteg. Im Sommer faszinierte sie beim British Summer Time Festival im Hyde Park, unter anderem mit der kraftvollen Disco-House-Nummer „Flying On My Own“.

Dieses Stück ist nun, samt Auto-Tune-Effekten, Opener ihres zwölften Albums „Courage“, für das sie Heerscharen an Komponisten und Produzenten beschäftigt hat. Darunter den britischen Sänger Sam Smith, die australische Vielschreiberin Sia Furler und sogar EDM-Schreckgestalt David Guetta. Ergebnis ist das wohl abwechslungsreichste Album Dions bis jetzt. Die ursprünglichen 48 Lieder wurde auf 16 Tracks reduziert. (Die Deluxe-Version freilich prunkt mit 20 Stücken.) Ein Teil der Songtexte geht auf Dions tragische Erfahrungen ein, die sie seit Veröffentlichung ihres letzten englischsprachigen Albums „Loved Me Back To Life“ (2013) machen musste. Ihr Ehemann und Manager René Angélil starb 2016 an Krebs. In Balladen wie „For The Lover That I Lost“ und „I Will Be Stronger“ verarbeitet Dion offenkundig diesen Verlust. Vorsichtig bahnt sich das Comeback des Lebens nach einer langen Phase der Trauer in „I Will Be Stronger“ an. „And I have missed you so heavily, but the weight's kind of lifting, I'm seeing the colors in the street“, singt sie so weh wie schön.

Überhaupt zeigt sie sich als Sängerin in vielen Schattierungen. Im lässig groovenden „Lovers Never Die“ probiert sie sich in zeitgenössischer R&B-Intonation, in „Nobody´s Watching“ gar mit Reggaerhythmen. In letzterem Lied zieht sie über den PC-Terror unserer Tage her. „I've had it up to here, up to my neck with everything politically correct.“ Singen als Strategie zur Konfliktbewältigung, das hat bei ihr zu allen Zeiten funktioniert. Mit perfekter Stimme beschwört sie nun etwa die Akzeptanz eigener Unvollkommenheiten. In „Imperfections“ heißt es klug: „I can't hold your heart when I'm fixin' mine.“

Egal in welchem Setting, Céline Dion bleibt die verschwenderische Drama Queen, die ihren überlebensgroßen Emotionen die adäquaten Breitwandarrangements gönnt. „She's the Wernher von Braun of epic wonder and woe“, schrieb „Variety“ einmal über diese Sängerin, die mit Raketentreibstoff angetrieben scheint. Dem ist wenig hinzuzufügen. Außer dass „Courage“ durch seine Vielfalt Altfans vielleicht verschrecken wird, ihr aber neue Fans hinzugewinnen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2019)