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Neda: Die Märtyrerin der Twitter-Revolution

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(c) REUTERS (MURAD SEZER)
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Sie wurde das Gesicht der iranischen Protestbewegung: Neda Agha Soltan, die vor laufender Kamera bei einer Demonstration erschossen wurde.

Auf dem Höhepunkt der Proteste gegen die umstrittene Präsidentenwahl im Iran wurde eine junge Frau, Neda Agha Soltan, auf offener Straße erschossen. Ihr Tod wurde mit einer Handyvideokamera festgehalten, das 90-Sekunden-Video dann auf youtube.com hochgeladen. Soltan wurde rasch zur Märtyrerin der iranischen Oppositionsbewegung gegen Präsident Mahmoud Ahmadinejad und den obersten religiösen Führer, Ayatollah Ali Khamenei.

Begonnen hatte alles am 12.Juni, als Mahmoud Ahmadinejad als iranischer Präsident wiedergewählt wurde. Die Opposition um die Kandidaten Mir-Hussein Moussavi und Mehdi Karoubi vermutete massive Wahlfälschung, sogar der konservative Mohsen Rezaie, ehemaliger Chef der Revolutionären Garden und ebenfalls Kandidat, beklagte, dass der Urnengang alles andere als fair abgelaufen sei.

Es kam zu Massendemonstrationen – den größten seit der Islamischen Revolution von 1979. 30Jahre danach sah man, wie Hunderttausende durch die Straßen zogen und gegen ihre Regierung protestierten. Nach Sonnenuntergang gingen die Menschen in Teheran und anderswo auf die Dächer, um „Allahu Akbar (Allah ist groß)!“ in die Nächte zu brüllen, ganz so, wie sie es vor 30 Jahren aus Protest gegen die Diktatur des Schah getan hatten.

Die iranische Fußballelf trug aus Zeichen der Solidarität mit der Protestbewegung grüne Bänder um das Handgelenk, Millionen von Menschen verfolgten die Ereignisse auf twitter.com mit. Dieser Internetnachrichtendienst dient dazu, SMS-Kurzmitteilungen aus dem Handy ins Internet zu kanalisieren, und wurde von der grünen Protestbewegung intensiv genutzt – ebenso wie die Videoplattform youtube.com.

Einen kurzen Moment lang sah es so aus, als würde die Welt eine neue iranische Revolution erleben. Doch beim Freitagsgebet am 19.Juni gab der religiöse Führer Khamenei die Parole aus, dem bunten Treiben der grünen Welle ein Ende zu setzen. „Wenn sie (die Demonstranten, Anm.) die Aktionen nicht beenden, müssen sie die Verantwortung für die Konsequenzen tragen“, sagte Khamenei, dessen Wort im Iran Gesetz ist. Das ganze Land hatte diese wichtige Predigt verfolgt, und alle politisch engagierten Oppositionsaktivisten ahnten nun, dass die Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt in eine neue, gefährliche Phase gehen würde. Tags darauf, am 20.Juni, griffen die Sicherheitskräfte und Milizen hart durch: Nach offiziellen Angaben starben allein an diesem Tag elf Demonstranten, nach Spitalsangaben mindestens 34.

Doch der Tod Nedas brachte das Regime in Erklärungsnotstand – jeder, der wollte, konnte via youtube.com Zeuge des Sterbens der jungen Iranerin werden. Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Videos wurden daher die Behörden aktiv: Es wurde alles unternommen, um zu verhindern, dass Neda zur Märtyrerin der Opposition würde. Der Propagandaapparat versuchte, den Deckel auf der Sache zu halten: Moscheen wurden unter Druck gesetzt und verweigerten der Familie die Trauerfeier.

Gleichzeitig versuchten regimetreue Medien, Zweifel an der Echtheit des Videos zu schüren: Warum war eine Kamera bereit, als der tödliche Schuss fiel? Die iranische Nachrichtenagentur FARS-News beschuldigte gar einen BBC-Journalisten, den Tod Nedas für eine TV-Dokumentation provoziert zu haben. Doch dann meldete sich der Arzt Arash Hejazi zu Wort – jener Mann, der auf dem Video zu sehen ist, wie er Neda Agha Soltan Erste Hilfe zu leisten versucht. Er berichtete, dass ein Mitglied der regimetreuen Basij-Milizen – der angebliche Mörder – von der Menge festgehalten worden war. Doch im Tumult habe man diesen Mann laufen lassen. Am Ende bedauerte Präsident Mahmoud Ahmadinejad den Tod Nedas in Larry Kings TV-Show auf CNN.

 

Der Protest geht weiter

Was das Regime verzweifelt zu verhindern versuchte, ist eingetreten: Neda Agha Soltan ist zu einer Märtyrerin der Opposition geworden. Märtyrer aber sind wichtige Symbolfiguren im heutigen Iran. Ihre Bildnisse zieren Häuserwände, Straßennamen erinnern an die Märtyrer der Revolution. Ob eines Tages – nach einem politischen Wandel im Iran – auch eine Straße nach Neda Agha Soltan benannt werden wird?