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Diese Freundschaft wird so manche Krise überdauern: Jennifer Lopez als Ramona, Constance Wu als ihr Schützling Destiny.
Filmkritik

„Hustlers“: Feminismus! Wie geil!

Dieser Film macht einfach höllisch Spaß: Jennifer Lopez, die für ihren Auftritt keine Gage verlangte, spielt in „Hustlers“ eine Striptease-Tänzerin, die mit ihren wunderschönen Kolleginnen reiche Männer übers Ohr haut.

Nein, denkt man zunächst: Da stimmt doch etwas nicht. Da stimmt etwas ganz und gar nicht. Wir sehen die Tänzerinnen eines Striptease-Clubs, wie sie in den Garderoben entspannt ihrem Auftritt entgegen blödeln und unter brüllendem Gelächter mit Vibratoren herumfuchteln; die großzügige Mama des Etablissements, die ihre Mädchen mit Buttercemetorte versorgt; Jennifer Lopez als Ramona, die hoch oben an der Stange ihrem Körper die erotischsten Posen abtrotzt, anmutig und stark. Und als sie wieder am Boden ankommt, landet sie weich auf einem ganzen Berg von Dollarnoten – als hätten all die Männer, die ihr zujubeln, ganz vergessen, dass morgen ja auch noch Rechnungen zu begleichen sind.

In der nächsten Szene wird Ramona eine junge und verängstigte Kollegin unter ihre Fittiche nehmen. Sie wird sie in den Finessen des Pole Dance unterweisen. Ihr erklären, wie man mit den verschiedenen Männertypen umgeht, vom frustrierten Angestellten bis zum psychopathischen CEO, für den alles nur ein Deal ist, sogar ein Besuch im Strip-Club. Sie wird ihr zeigen, wie das geht: Verführung.

 

Sie zocken sie ab, die Abzocker

Aber obwohl wir wissen, wie grausam die Sex-Industrie ist, wie ihre brutalen Strukturen jede Solidarität im Keim ersticken, und dass in solchen Clubs nun einmal Männer die Oberhand haben und nicht, wie in diesem Film, die Frauen – irgendwann ist uns das egal. Irgendwann geben wir uns diesem Film einfach hin. Weil die Bilder toll sind, der Soundtrack fetzt, weil die Geschichte höllisch Spaß macht. Und weil man im Kino manchmal träumen darf. Wann, wenn nicht im Kino: Lorene Scafarias „Hustlers“ ist nämlich, auch wenn er auf Erinnerungen einer Stripteasetänzerin beruht, in erster Linie ein Märchen. Ein Märchen von Empowerment, Gleichberechtigung und Freundschaft noch unter den schwierigsten Bedingungen. In diesem Märchen sind Frauen mächtig und clever und wunderschön, und am mächtigsten und cleversten und wunderschönsten ist Jennifer Lopez, die hier die Rolle ihres Lebens spielt, so dunkel und cool, dass man den Dollarnoten am liebsten ein paar Euroscheine folgen lassen möchte.

Übrigens hat Lopez bei diesem Film auf die Gage verzichtet.

„Hustlers“ beginnt im Jahr 2007. Die Wirtschaft brummt, die Börse floriert, und bei den Brookern sitzt das Geld locker. Irgendwie müssen ja all die Boni ausgegeben werden! Für Ramona und ihre junge Freundin Destiny (Constanze Wu) ist das Leben eine einzige Party, der Champagner fließt, die Kleiderschränke quellen über, keine Louis-Vuitton-Tasche ist ihnen zu teuer. Doch so wird es nicht bleiben, Börsencrash, Wirtschaftskrise, der Club ist bald nur mehr ein Schatten seiner selbst und kann die Mädchen nicht bezahlen. Destiny versucht sich als Hausfrau, doch der Mann erweist sich als gewalttätig, sie schmeißt ihn hinaus – und sucht Hilfe bei ihren Freundinnen. Konkret: Bei Ramona. Die hat aus der Krise ihre eigenen Lehren gezogen. Wenn die Männer das Geld nicht freiwillig hergeben, muss man es ihnen eben abnehmen.

 

Zockt sie ab, die Abzocker!

Ramona und Destiny gehen auf Beutezug: Sie suchen in den Hotels und Bars der Stadt nach den Männern mit dem edlen Schuhwerk, den maßgeschneiderten Anzügen, den teuren Uhren. Sie betören sie, machen sie betrunken, schleppen sie in den Strip-Club und animieren sie dazu, ihre Black Card zu zücken. Und wenn sie sich nicht gleich betrunken machen lassen, helfen die beiden eben nach. Das dazu nötige Pulver stellen Ramona und Destiny höchst persönlich aus verschiedenen Drogen her, sie stehen in der Küche, rühren und backen, und ein bisschen ist es, als machten sie Weihnachtskekse.

 

Stripper-Ganovinnen

So sind wir also mitten drin im Gangster-Movie der weiblichen Art. Diese Strip-Ganovinnen schießen niemanden nieder, sondern mischen Gift, zur Entspannung kippen sie keinen Whiskey, sondern gehen shoppen, und um die Moral ihrer kleinen Truppe zu stärken, feiern alle gemeinsam Weihnachten, so kitschig wie möglich. Ein Packerl ist größer als das andere, und im größten, über einen Meter lang und mit einer riesigen Masche verziert, ist ein Chinchilla-Pelz. Worüber wir uns freuen, Tierschutz hin oder her, wir wissen ja: Märchen!

Wie so viele Gangster-Movies ist auch „Hustlers“ die Geschichte einer großen Freundschaft, die von Lorene Scafarias übrigens trotz der knalligen Story subtil und liebevoll erzählt wird: Oft reicht ihr dafür ein verwunderter Blick, eine hochgezogene Schulter. Destiny und Ramona gehen durch ihre eigene, höchstpersönliche Krise. Zerstören kann sie diese Freundschaft nicht. Auch wenn es kurz so aussieht.

Männer? Spielen in diesem Film nur eine Nebenrolle, sie dürfen die Frauen bewundern, sie mit Geldscheinen bewerfen oder sie hängen halb bewusstlos in Séparées herum, und ein klein bisschen fühlen wir uns dadurch auch gerächt – für jede sexistische Bemerkung, über die wir uns kränkten, jeden körperlichen Übergriff, der uns verstörte.

Das ist vielleicht nicht sehr edel von uns – aber diesen Film lang ist uns das egal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2019)