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Lokalkritik

Testessen im Geschmacks-Tempel

Der Tempel in der Wiener Praterstraße wurde neu übernommen. Und das nicht gerade inspiriert. Was noch auffällt: die Zutatenwiederholungen.

Verständlich: Wenn der Vorgänger eine Institution war, wenn auch eine der leisen, zurückhaltenden Art, möchte man als Nachfolger noch mitnaschen am Klassikernimbus. Das völlig zeitlos-schlichte Restaurant Tempel von Rudolf Warzwiesinger in einem wunderschönen Hinterhof der Wiener Praterstraße wurde jüngst, um einen Bindestrich und die Vorsilbe „Geschmacks" ergänzt, nahezu unverändert neu eröffnet. Und zwar von einem Gastronomen, den man auch nicht gerade als uninstitutionell bezeichnen kann: Thomas Edlinger vom Pan e Wien in der Salesianergasse. Die Frage, warum er diverse Hauben-Auszeichnungen des Vorgängers aus dem Jahre Schnee hängen ließ, bekommt spätestens dann Relevanz, wenn man sich durch die Geschmacks-Tempel-Karte gekostet hat.

Dabei sind die einzelnen Gerichte in Ordnung, wenn auch nicht aufregend – in Summe bleibt allerdings der schale Nachgeschmack einer uninspirierten Bequemlichkeit. Das panierte Trüffelei, auf Erdäpfelpüree gesetzt und von Babymangold umgeben, bekommt pro forma ein paar Scheibchen schwarzer Trüffeln verpasst, vor allem aber einen Löffel von Molekular-Trüffel-„Kaviar" (13 Euro). Soll sein. Hat man aber in Novemberlaune auch gleich die getrüffelten Ravioli bestellt, trifft man auf genau dieselben Begleiter: rotstieligen Babymangold (statt des angekündigten Blattspinats) und einen auf die exakt vier kleinen gefüllten Nudeln abgeworfenen Klacks Spaßkaviar (12  Euro).

(c) Olivia Pesto

Die paprizierte Fischsuppe ist ein mager mit Fisch bestückter klarer Sud mit wenig Paprika- und dafür umso mehr Dillaroma (8 Euro) – passabel, aber ohne viel Herzblut oder Schmackes, wie man anderswo sagen würde, gekocht. Und die ungeschälten warmen Rahmgurken (ein müder Hybrid aus Salat und Leider-nicht-Schmorgurken) zum Saibling (24 Euro) sind ebenfalls mit ordentlich Dille gewürzt. Nichts gegen Dille, aber diese Wiederholungen sind öd. Die beim Testbesuch avisierte „Kartoffelkruste" des Fisches änderte man inzwischen der Pommes-frites-förmigen Wahrheit entsprechend auf „knusprige Kartoffeln". Ausgezeichnet der gebackene Kalbskopf, dem allerdings angesichts des halbeckigen Kantinentellers die Tränen kommen müssen. Als Desserts stehen Mannerschnittenparfait, Mohnmousse, Haselnuss-Panna-cotta und Malakoffnockerln zur Wahl, also Schlagobers, Schlagobers, Schlagobers oder Schlagobers. An einem Ort, wo man einst andächtig vor der perfekten Plusterkrone eines Weißmohnsoufflés sitzen konnte.

Info

Geschmacks-Tempel, Praterstraße 56, 1020 Wien, Tel.: +43 1 214 01 79, Restaurant: Di–Sa 11–23 Uhr.

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("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 29.11.2019)