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Kant und die Komik

Ein Sekretär Immanuel Kants antwortet einer von Liebeskummer geplagten adeligen Dame: Alois Brandstetters Roman „Cant läßt grüßen“ bezieht seinen Reiz aus seinen gelehrten Abschweifungen.

Das täuschende Spiel mit Authentizität und Fiktion ist eine ehrwürdige literarische Technik. Wenn Alois Brandstetter seinem im späten 18. Jahrhundert lokalisierten Roman eine „Leseanleitung“ voranstellt, die einerseits Faktisches suggeriert und andererseits mehrmals ausdrücklich die fiktionale Gattung „Roman“ benennt, wenn er gar, allzu deutlich, mit dem Hinweis schließt, dass der Autor ein „Emeritus der Universität Klagenfurt“ – also niemand anderer als er selbst – sein könnte, dann weist er sich als gebildeter Germanist aus. Die Geste ist charakteristisch für Brandstetter, und sie dürfte schon an dieser Stelle polarisieren.

Dass die Literaturkritik in Österreich von der Linken beherrscht werde, ist eine Legende, die keiner Überprüfung standhält. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass es ein konservativer Schriftsteller wie Alois Brandstetter bei der Kritik nicht immer leicht hatte. Und dass er konservativ ist, nicht etwa nur seinen fiktiven Figuren konservative Ansichten in den Mund legt, darf man bei Kenntnis seiner zahlreichen Bücher behaupten, ohne ihm Unrecht zu tun. (Dass Brandstetter auf der alten Rechtschreibung beharrt, versteht sich von selbst.) Wenn er weniger geschätzt und anerkannt wird als Kollegen, die über geringeres Talent und geringere Sprachbeherrschung verfügen, könnte das daran liegen, dass seine frühen Bücher im Gestus, in der Kultivierung des Schimpfens, in der Vorliebe für Rollenprosa stark an den sieben Jahre älteren Thomas Bernhard erinnern – und damit ist die Latte hoch gelegt. Auch mag Brandstetters Humor nicht jedermanns Sache sein. Nirgends gehen Meinungen so sehr auseinander wie eben bezüglich des Humors, und Ironie, die bei Brandstetter essenziell ist, wird oft nicht verstanden. Ich bekenne, dass ich Brand- stetters Bücher gerne lese – vielleicht, weil ich bei dem Altphilologen ein mir bekanntes Milieu entdecke und dem schrägen Blick darauf teils witzige, teils erhellende Aha-Erlebnisse verdanke, aber auch, weil ich die Virtuosität der Sprachverwendung und der Rhythmisierung genieße.

Diesmal versetzt sich Brandstetter in einen „Amanuensis“, einen Sekretär Immanuel Kants, der stellvertretend in einem langen Brief auf zwei Schreiben der von Liebenskummer geplagten Klagenfurterin Maria von Herbert an den Königsberger Philosophen antwortet. Hier darf Brandstetter weit hinter die Ersetzung des scharfen ß durch Doppel-s zurückgehen, und er hat offenbaren Spaß an der Simulation einer veralteten und deshalb ästhetisch aufgewerteten Sprachverwendung und Schreibweise. Wie frühere Romane von Brandstetter und auch von Thomas Bernhard bezieht „Cant läßt grüßen“ einen Großteil seines Reizes aus der Abschweifung – aus „Paraphrase und Circumloquium (Herumreden)“, wie es im Roman selbst heißt.

Was man im Alltag zu Recht als Geschwätzigkeit beurteilte, kann in der Literatur eine Tugend sein. In ihr kommt es ja nicht auf Mitteilung, erst recht nicht auf Ökonomie der Information an, sondern auf Sprache. In dem Maße, in dem sie sich verselbstständigt, von jeder dienenden Funktion befreit, verweist sie auf sich selbst. Genau darin aber besteht die Differenz des Literarischen zu anderen Formen der Kommunikation. Gerade in der satirischen Literatur ist der Sprechstil ein zentrales Gestaltungsmittel. Der Brief, obgleich in Schrift fixiert, aber nicht für die Ewigkeit bestimmt, nähert sich dem gesprochenen Wort. Es ist aber keineswegs so, als hätte Brandstetter in Gestalt des katholischen Kant-Gehilfen aus dem Saarland, wo Brandstetter lange lehrte, nichts zu erzählen. Wenn er vom Hundertsten ins Tausendste kommt, entsteht auf teils komische, teils aphoristische, teils durchaus philosophische Weise ein Bild jener Epoche, die mit dem Stichwort „Aufklärung“ nur unzureichend gekennzeichnet ist.

Die Komik von Brandstetters Roman beruht nicht zum geringen Teil in der Verkleinerung von Großem – wie wir es jedenfalls auf Grund unserer schulischen Sozialisation imaginieren. Wenn der Briefschreiber die despektierlichen Ansichten referiert, die Kant von Goethe und dieser von jenem hegt, dann ist das ähnlich witzig wie die
bereits aufbereitete Konkurrenz zwischen Händel und Bach. Auch Polgar und Friedell haben sich dieser Technik bedient. Aber
von einem Schülerulk unterscheidet sich Brandstetters Denkmalzerstörung durch die Genauigkeit, mit der er Denkweisen erst einmal analysiert hat, ehe er sie satirisch banalisiert. Goethe ist nicht der einzige Dichter, der in dem Roman diesem Verfahren unterzogen wird. Dass Brandstetter in manchen Nebensätzen der Lust am Kalauer oder auch am Anachronismus nachgibt und dann doch ganz nah an den Klamauk gerät, sei erwähnt, aber in Kauf genommen.

Nur eins wüsste man gerne: Fremdwörter, seltene und auch gebräuchlichere, werden in Klammern „übersetzt“. Soll das nun den pedantischen Briefschreiber charakterisieren, seine Einschätzung von der Adressatin, ist es parodistisch gemeint, hat Brandstetter Angst, der Leser könnte ihm ohne solche Erläuterungen nicht folgen, oder hat ihm gar der Verlag diese Manier (Eigenart) abverlangt, die zunächst erheitert und dann zunehmend nervt.

Dass dem Fräulein von Herbert in ihrer Not mit dem Brief von Kants Eckermann
geholfen würde, ist zu bezweifeln. Vom Selbstmord rät er jedenfalls dringend ab. „Fügt Euch ins Leben! Lebet wohl! Cant lässt grüßen!“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2010)