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Mein Freitag

Die Sehnsucht nach Eisbären im kalten Polar

Wir sichten die Fotos, die das Eisbärbaby in Schönbrunn zeigen, und sofort sagt eine Kollegin: „Eisbären müssen nie weinen“, und dann ist es schon da, das Lied von Grauzone, aber weil im Großraumbüro zwar laut geniest, gepöbelt, gerufen, aber nicht gesungen werden darf, summt es nur im Kopf: „Ich möchte ein Eisbär sein.“

Das Singverbot hat übrigens mit der Ohrwurmgefahr zu tun, die gefürchteter ist als Unterzuckerung, Sauerstoffmangel oder Lärmschäden.

Am nächsten Tag in der Früh läuft das Lied im Radio. Das kann kein Zufall sein. Wer alt genug ist, kann keinen Eisbären sehen, ohne von der Neuen Deutschen Welle überschwappt zu werden, so ist das mit den Assoziationen, manche sind kollektiv, mit manchen ist man ganz allein. Übrigens können Eisbären weinen, im technischen Sinn zumindest, ihre Augen produzieren Tränenflüssigkeit, aber man geht gemeinhin davon aus, dass Tiere keine emotionalen Tränen vergießen, wenn sie Schmerz oder Trauer verspüren.

Der Eisbär als Sehnsuchtssymbol war nie weg, nun sieht man ihn auf einer Eisscholle stehen und wird an den Klimawandel erinnert. Die Greta Thunberg der 80er-Jahre war Bob Geldof, und die Rettung Afrikas war ein noch tieferes Anliegen als die Wälder zu retten. Das nahm man aber mit, und wer heute sagt, bitte schön, den Wald gibt es immer noch und vom Ozonloch spricht auch niemand mehr, der sei nur daran erinnert, was damals alles passierte. Österreich war eines der ersten Länder Europas, das den Katalysator verpflichtend einführte. Und sich radikal von der FCKW-Dose zu verabschieden war kein kleiner Akt für Jugendliche in einem Zeitalter, in dem Haarspray überlebenswichtig war.

Der Weltschmerz der 80er-Jahre kam recht cool daher und war mehr von Synthesizer als Pathos getragen. Frei von erratischen Momenten war das Engagement für eine bessere Welt nie. Wer von Jugendlichen einfordert, sie müssten in ihrem Tun und ihrer Dringlichkeit konsequent sein, der hat das vermutlich alles nie selbst erlebt.

E-Mails an:friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2019)