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Ein Film als Leuchtturm des Grauens

Steht sein Chef im Bund mit dem Teufel? Robert Pattinson als gschamiger Jungspund Ephraim.
Steht sein Chef im Bund mit dem Teufel? Robert Pattinson als gschamiger Jungspund Ephraim.(c) UPI

In der Horrorgroteske „The Lighthouse“ treiben sich zwei Leuchtturmwärter gegenseitig in den Wahnsinn: Trotz dichter Atmosphäre vor allem ein Schauspielspektakel. Die Duellanten? Willem Dafoe und Robert Pattinson.

Wie ein morsches Streichholz ragt das Türmchen mit dem Gipfellicht gen Himmel. Schwarze Wellen lecken an seiner Felsenbasis, ringsum ziehen sich dunkle Wolkenschlingen zu. Carl Blechens Gemälde „Stürmische See mit Leuchtturm“ (1826) ist nur eines von vielen Zeugnissen der berückenden Symbolkraft maritimer Navigationshilfen. Bei angemessen dramatischer Witterung eignet ihnen die Aura einsamer Hoffnungsbastionen im Clinch mit übermächtiger Natur: ein Stimmungsbild, wie geschaffen für (dunkel-)romantische Gemüter. Auch Edgar Allan Poe ließ sich davon inspirieren: Sein letztes, unvollendetes Werk „The Light-House“ kürt das Titelgebäude zur Metapher existenzieller Isolation.

Auf ebendiesem Poe-Fragment gründet der neue Film des US-amerikanischen Horror-Aufsteigers Robert Eggers. Hier ist es ein Zweigespann, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Ufer eines verlassenen Eilands anlegt: Thomas Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson). Ersterer bärbeißiger Wärter-Veteran, in dessen Vollbart man sich verlaufen könnte, der andere ein gschamiger Jungspund, der fernab gesellschaftlicher Zumutungen gutes Geld verdienen will.

 

Toxisches zwischen Herr und Knecht

Schon bald keimt toxische Dynamik zwischen Herr und Knecht: Wenn Wake Winslow nicht mit Kärrnerdiensten kujoniert, nötigt er ihn jovial-brutal zu spätabendlichen Alkoholexzessen. Die halluzinogene Inselatmosphäre befeuert den Alptraummotor des Jüngeren: Dieser sieht sich ins Wasser wanken, wo zwischen mürbem Treibgut barbusige Meerjungmonster locken. Und erspäht im Laternengehäuse, wo ein trunkener Wake jede Nacht „seinem“ Leuchtstrahl zuprostet, wieselnde Riesententakel. Steht sein Chef etwa im Bund mit dem Teufel?

Die Antwort auf diese Frage hält Eggers bewusst in der Schwebe – doch der Mystery-Aspekt der Geschichte ist ihrem Parabelcharakter untergeordnet. „The Lighthouse“ wirkt wie eine Versuchsanordnung zum Studium männlicher (Selbst-)Zerstörungswut und ihrer unbewussten Wurzeln: Neid, Libido, Schuldgefühle.

Dabei folgt sie einer konsequenten Eskalationslogik. Immer stärker tobt der Sturm, immer lauter heult der Wind. Als klar wird, dass die Ablösung sich verzögert, verschwimmen die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit im fiebrigen Dunst eines zermürbenden Arbeitsalltags.

Wobei das Setting von Anfang an surreal wirkt: Ein diesiger Landfleck auf trostloser See, gefasst in kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder und ein beengendes, nahezu quadratisches 19:16-Format. Der Leuchtturm selbst ein steinernes Ungetüm, in dessen Bauch rostige Maschinen rumoren. Und immer wieder das dumpfe Dröhnen des Nebelhorns vor dem Hintergrund ominös schlingernder Bläser und Streicher (Musik: Mark Korven).

Eine ästhetische Glanzleistung, die Anerkennung heischt. Und ihren Qualitätsanspruch stolz vor sich herträgt. Denn „The Lighthouse“ ist Teil eines (wiederbelebten) Hollywood-Trends: Stoffe, aus denen einst räudige B-Movies sprossen, erstrahlen immer öfter im aufwendigen Autorenfilm-Gewand. Die Marketing-Abteilungen haben längst ein Label dafür gefunden: „Elevated Genre“, sprich: gehobene Konfektion.

Ein Begriff, dessen Dünkel befremdet: Als wären „herkömmliche“ Genrefilme nicht der Rede wert. Und der vertuscht, dass Kunst- und Horrorkino schon immer korrelierten: Von Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ (1922) über Ingmar Bergmans „Die Stunde des Wolfs“ (1968) bis zu Andrzej Żuławskis „Possession“ (1981). Oder in Kubricks „The Shining“, an dessen Spannungsstrategien Eggers Leuchtturmkoller anknüpft.

 

Die neue Welle der Luxusgenrefilme

Mit seinem Langfilmdebüt, dem folkloristischen Hexengrusel „The Witch“ (2015), legte der 36-Jährige eine der Initialzündungen der neuen Luxusgenrewelle vor. Inzwischen ist diese mit Arbeiten wie Ari Asters Sonnwend-Schrecken „Midsommar“ im Multiplex angekommen. Dabei federführend: der Hipster-Filmverleih A24. Dessen stilsichere Werbekampagnen generieren regelrechte Hype-Tsunamis: Als „The Lighthouse“ dieses Jahr in Cannes Premiere feierte, zogen sich die Schlangen ins Endlose.

Blöd nur, wenn das Bedeutsamkeitsgehabe zum Selbstzweck verkommt. Dass „The Lighthouse“ trotz einschlägiger Tendenzen, etwa demonstrativer Verweise auf die Mythen von Prometheus und Ikarus, davor gefeit ist, liegt nicht zuletzt an den enthusiastischen Hauptdarstellern, die hier in einer Art Auszuckwettbewerb über sämtliche Stränge schlagen – und dem symbolschwangeren Geschehen eine dezidiert komische Note verleihen. Dafoe, der unter Flatulenzen von alten Abenteuern schwadroniert (hier lohnt sich das archaisch-literarische Seemannsidiom des englischen Originals). Pattinson, der in geistiger Umnachtung eine Möwe zu Brei drischt. Oder beide zusammen, die sich im Vollrausch einem wilden Veitstanz hingeben, bei dem man sich fragt, ob sie einander nun umarmen oder abschlachten wollen: Hierin liegt letztlich, weit mehr als im beachtlichen audiovisuellen Aufputz, das Spektakel dieses sehenswerten Films.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2019)