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Stettin: Vom Rand Pommerns zur Mitte Europas

Die einstige Hansestadt ist sehr dem Wasser zugeneigt, hier mündet die Oder ins Stettiner Haff.
Die einstige Hansestadt ist sehr dem Wasser zugeneigt, hier mündet die Oder ins Stettiner Haff.(c) imago images/Hohlfeld (Volker Hohlfeld, via www.imago-i)

In Zeiten sozialistischer Planwirtschaft war Stettin ein beliebtes Ziel von Hamsterern. Heute besticht die Stadt durch Kultur.

Auf vier Beinen stehend, recken sie die Hebearme wie lange Hälse in den Ostseehimmel. Die drei ausgedienten grünen Lastenkräne auf der Oderinsel Lastadie ähneln tatsächlich großen Tieren aus der Urzeit. „Dzwigozaury“ (ein Wortspiel mit Kran und Saurier) nennen die Stettiner diese Veteranen ihres Hafens, dem die Metropole an der Odermündung ihren Wohlstand verdankt. Selbstbewusst reihen sich die blitzblank sanierten, original lackierten Stahlkolosse in die Riege der Stettiner Wahrzeichen ein. Die meisten kann man von der Speicherstraße aus sehen. Denn direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, liegt die Altstadt.

Links die Jakobskathedrale, das Schloss der pommerschen Herzöge in der Mitte, rechts die Hakenterrassen mit dem Nationalmuseum. Dazwischen Bürgerhäuser, Stadtpaläste, Kirchen, ein paar seelenlose Quader aus Beton, und immer mehr moderne Bauten, deren eleganter, zurückhaltender Stil für den Respekt vor ihren Nachbarn aus Gotik, Renaissance und Barock spricht.

Das spektakulärste neue architektonische Kunstwerk ist die Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie. Sie entstand an der gleichen Stelle wie das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Konzerthaus von 1884 und verfügt über eine ausgezeichnete Akustik. Als bestes des Jahres erhielt das Gebäude kurz nach seiner Eröffnung 2014 den internationalen Mies-van-der-Rohe-Preis. Seine zergliederte Fassade könnte sowohl einen Eisblock, die Zacken einer Krone als auch die Silhouette hoher, schmaler Bürgerhäuser darstellen. Beleuchtet ist es am schönsten, und ganz besonders in der blauen Stunde. Matt strahlender Glanz verwandelt dann den Musentempel in eine fragile, wie schwebende Papierlaterne.

Ossis Einkaufsparadies

Polnische Ostseebäder wie Kolberg, Misdroy oder Swinemünde waren auch zu Zeiten des Sozialismus nicht nur bei den Einheimischen beliebt. Die meisten Menschen aus dem benachbarten DDR-Gebiet kamen zum Shoppen. Viele Lebensmittel waren deutlich billiger, und obendrein bekam man auf den Märkten Produkte aus dem Westen.

Heute liegt der äußerste Nordwesten Polens nicht mehr im Schatten einer Grenze, sondern in der Mitte Europas. Die einstige Hansestadt Stettin (Szczecin), zwei Stunden von Berlin entfernt, ist die charmante, coole Mutter-City einer aufstrebenden deutsch-polnischen Metropolregion, in der in absehbarer Zeit eine Million Menschen leben wird – und ganz Westpommern mit seinen Natur- und kulturellen Schätzen ein vielseitiges Urlaubsziel.

Die heutige polnische Woiwodschaft Westpommern wurde aus dem einstigen Hinterpommern sowie kleinen Teilen des historischen Vorpommerns und der Neumark gebildet. Um die Zeitenwende lebten hier Germanen, später das westslawische Ostseevolk der Pomoranen („po more“: am Meer). Vom zwölften bis 17. Jahrhundert wurde das Gebiet von den pommerschen Greifenherzögen beherrscht. Ihre Hauptstadt war Stettin. Weitere Residenzen hatten sie in Stargard, Stolp und Rügenwalde. Stettins Reichtum wuchs, als ihm im 14. Jahrhundert sowohl Pommern als auch Polen Privilegien verliehen. Damit machte es zeitweise dem vom Deutschen Orden besetzten Danzig seinen Rang als Handelsmetropole streitig.

Vor der Altstadt liegen der westliche Uferboulevard (Piastowski), Cafés und Restaurants mit Oderblick und die „Allee der Segler“. Dieser öffentliche Kunst-Parcours versammelt Figuren und Objekte zu maritimen Themen – wie etwa eine Bronzeplastik der polnischen Seefahrerlegende Ludek. Den Fluss selbst umrahmen Kais und feste, breite Wege mit Fahrradspuren, langen Bänken und einladenden Stufen.

Die Neuerungen sind Teil von „Szczecin Floating Garden 2050“. Mit dem visionären Projekt werde sich Stettin in den kommenden Jahrzehnten immer mehr zur Wasserstadt entwickeln, erklärt Artur Pomianowski vom regionalen Tourismusverband. Das natürliche Netz aus Flussläufen und -inseln wolle man dabei zu einer „schwimmenden Gartenstadt“ ausbauen.

Belebendes Wasser

Bereits heute besteht Stettin zu einem Viertel aus Wasser- und zu mehr als 40 Prozent aus Grünflächen. Zentrum des Projekts wird das Gebiet rund um die Mitteloder. Der zukunftsweisende Boulevard ist nur der Anfang – und er wird dankbar angenommen. So sitzt, liegt, spaziert und radelt man an beiden Ufern, liest und isst, schaut Ausflugsschiffen, Segelbooten, Kanus hinterher – oder tanzt, lacht und flirtet. Bereits unter der Schlossbrücke hört man die einschmeichelnden Klänge. Es ist Bachata, ein Stück Karibik, zu dem sich die sechs Paare an diesem Samstagnachmittag bewegen. Unter einem der drei Dino-Hafenkräne spielen die Musik und das Stelldichein der Stettiner Latin Dancers. Zwei von ihnen sind Anna und Robert. So oft sie können, kommt das Paar zum Tanzen hierher, vis-à-vis der Hakenterrasse.

„Zweimal pro Woche treffen wir uns hier“, sagt Anna. Außer Bachata tanzt man Salsa, Tango und Kizomba. Für die Beschallung sorgt mobile Technik: ein Smartphone und zwei Lautsprecher. „Einmal sind wir nur eine Handvoll, einmal so viele, dass es eng wird“, erzählt Robert, 42, Polizist.

Zum Glück habe Stettin jede Menge Plätze, an denen man sich wohlfühlen könne. „Die Nähe zu Fluss und Meer sind dabei genauso reizvoll wie die Mischung aus Altem und Neuem“, findet Anna mit Blick auf das Café Stockholm. Das Spannendste für die 35-jährige Zollbeamtin: „Unsere Heimatstadt liegt wieder mitten in Europa.“ Anna nimmt die Hand von Robert. Sie tanzen weiter – unter ausgedienten Hafenkränen, über neue Pflastersteine.

Freiheitsengel an der Oder

„Engel der Freiheit“ könnte ein Poet die Protagonisten dieser schönen Szene nennen. Doch das geflügelte Wort ist in Stettin bereits vergeben. Es gehört einer elf Meter hohen Bronzefigur auf dem Platz der Solidarität und erinnert an die antikommunistischen Rebellionen. 1970 wurden hier die ersten Schüsse auf friedliche Demonstranten abgefeuert. 16 starben. Doch der Widerstand wuchs. Zusammen mit den revolutionären Aktivitäten in Danzig läutete er das Ende des Sozialismus ein.

Das Dialogzentrum „Umbrüche“, Teil des Nationalmuseums, dokumentiert den Aufruhr der 1970er- und 1980er-Jahre in einer berührenden Ausstellung. Deren Räume befinden sich direkt unter dem Platz der Solidarität. Mit seiner geschwungenen Oberfläche erinnert er an ein stark bewegtes Meer – was ihn zum Terrain für Skater macht. „Die öffentliche Meinung dazu ist gespalten“, sagt Artur Pomianowski. Während sich die einen Friedhofsruhe wünschen und jegliche Freizeitaktivität verbannen wollen, begrüßen es die anderen ausdrücklich. Die persönliche Meinung des jungen Touristikers: „Was die Kids dort tun, schadet niemandem – und es hat Symbolkraft. Denn Skaten ist Freiheit.“

Viele Gäste von Westpommern suchen nicht nur die Kultur, sondern frönen dem Drang nach Unabhängigkeit und sportlicher Bewegung beim Segeln – etwa auf der Westpommerschen Route. Diese verbindet rund 20 neue und modernisierte Jachthäfen sowohl an den Ufern von Seen, Flüssen und Kanälen als auch an den Küsten der Ostsee und im Stettiner Haff.

IN STETTIN

Schlafen und essen: Atrium Hotel: ele- gant in Stadtvilla, sehr gutes italieni- sches Restaurant, www.hotel-atrium.pl; Nowy Browar: polnisch-pommersche Küche, eigenes Bier, www.nowybrowar.pl; Tkacka Kuchnia Kraftowa: unkonventionelle junge Kochkunst, www.tkacka2.pl

Anschauen: Nationalmuseum: interaktiv, jüngste Stadtgeschichte, przelomy.muzeum.szczecin.pl; Museum für Technik und Verkehr im Straßenbahndepot (1912), www.muze-umtechniki.eu

Kunst/Kultur: Mieczysław-Karłowicz-Philharmonie: Musik, Ausstellungen, Partys, www.filharmonia.szczecin.pl;

Kino Pionier: seit 1907, internationales Programm, www.kino-pionier.com.pl;

Trafo: zeitgenössische Kunst im alten Umspannwerk (1912), www.trafo.art

Aktiv: Paddeltour im „Stettiner Vene- dig“, Kanuverleih bei Centrum Edukacji i Turystyki Wiking Robert Filipski, www.szczecinskawenecja.pl;

Fahrradtouren: www.bikes-srm.pl;

Eventtipp: „Sail Szczecin“ im Juni, www.dnimorza.szczecin.eu;

Feuerwerkfestival Pyromagic im August, parallel Water Show Szczecin, www.fajerwerki.szczecin.eu

Infos: www.polen.travel/de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2019)