Karg, mystisch, urwüchsig: Das Bild von Schottland verfestigt sich auf Arran.
Wanderreise

Arran und sein Viertelstunden­wetter

Die Insel im Firth of Clyde verkörpert Schottland im Kleinen: Whisky, Torf, Steinkreise – alles da.

Immer wenn Wanderführerin Jacqueline am Morgen warnt: „Wir werden Wetter haben“, verkündet sie nicht etwa eine meteorologische Binsenweisheit, sondern bereitet ihre Teilnehmer darauf vor, dass einiges auf sie zukommt. Und sie behält recht. Innerhalb weniger Minuten hat sich auf dem Gipfel des 874 Meter hohen Goatfell eine schwarzgraue Wolkendecke vor den gerade noch blitzblanken Himmel geschoben.

Erste Tropfen fallen, der Wind frischt auf und steigert sich zu Böen, die den inzwischen prasselnden Regen hinter jeden Fels peitschen. Schon ist es zu spät für den Regenponcho. In den Wasserschwaden verheddert und verklebt er sich, es bleibt nur noch, sich irgendwo in eine Kuhle zu kauern und zu bibbern, während das Wasser über die Gesichter strömt. Aber bald tastet sich eine freundliche Sonne durchs Grau, schiebt den Spülwasserhimmel beiseite und fängt an, Jacken zu trocknen und Kummerfalten zu glätten. Es dampft auf dem Gipfel, schon scheint Schottland wieder schön.

Megalithische Steinkreise von Machrie Moor.
Megalithische Steinkreise von Machrie Moor.(c) Getty Images/iStockphoto (travellinglight)

Die Insel Arran liegt etwa 60 Kilometer südwestlich von Glasgow im Firth of Clyde. Sie erstreckt sich 32 Kilometer von Nord nach Süd, 16 Kilometer von Ost nach West und gilt als „Schottland im Kleinen“. Schroffe Steilküsten wechseln sich ab mit weiten Tälern, tosenden Flüssen und Hügeln voller Heidekraut. Hier gibt es Schlösser und Ruinen, zwei Whiskybrennereien und sieben Golfplätze. Die Restaurants servieren Fish and Chips, Cheddarkäse in vielen Variationen und das berühmte Arran-Eis. Haggis, das schottische Nationalgericht aus Lamm-Innereien, kommt dagegen nur noch in Krümeln auf die Pizza oder als Deckschicht um ein frittiertes Ei auf den Tisch. Und jeden Mittwochabend findet in der Gemeindehalle von Brodick ein Ceilidh statt, ein schottischer Tanzabend. Gäste und Einheimische stellen sich in Reihen auf, ein Tanzmeister erklärt die Schrittfolgen, und alle treten sich bei den zu bildenden Menschenkreisen und -girlanden so lang fröhlich auf die Füße, bis auch der letzte die Figuren kapiert hat.

Vor allem aber gilt Arran als hochwertiges Wanderziel. Und wohin man auch geht – in jeder Ecke nistet schottische Geschichte. In Machrie Moor etwa sind elf unterschiedlich gut erhaltene Steinkreise über die grün-braune Moorfläche verstreut. Vor etwa 5000 Jahren wurden sie aufgetürmt. Wie, von wem, warum – jede Antwort ist bloße Spekulation. Mag sein, dass Tote geehrt wurden, deren Steingräber sich ebenfalls hier finden. Mag sein, dass man tanzte, opferte, Unterirdische besänftigte. Vielleicht aber dienten sie auch, in Verbindung mit den Fluchtlinien umliegender Hügel, als Kalender.

Lernen von der Riesenspinne

Auf viel spätere Spuren der Geschichte stößt an der Westküste, wer von Blackwaterfoot am Meer entlang zur King's Cave wandert. Hellgrüner Blasentang schmückt bei Ebbe die schwarzen Felsen, Margeriten säumen den Weg. Drei, vier große Höhlen bilden einen Verbund, eine davon ist durch ein Eisengitter abgetrennt, in dem eine überdimensionierte Spinne ihr Netz webt. Robert the Bruce, der bedeutendste schottische König, soll sich hier im 13. Jahrhundert versteckt haben. Während er deprimiert über die letzten Rückschläge im Kampf gegen die Engländer sinnierte, beobachtete er eine Spinne, die ihr Netz baute. Immer wieder rutschte ihr Faden von den glitschigen Felsen ab, stets begann sie von Neuem. Aufgeben ist keine Option, durchfuhr es den Recken da wie ein Blitz. Mit frischem Mut nahm er einen neuen Anlauf und schlug schließlich die Engländer vernichtend.

Vertreibung und Emigration

Am Küstenweg zwischen Sannox und Laggan an der Nordostküste sind noch die Fundamente einer kleinen Ansiedlung zu erkennen. Um die 100 Menschen bestellten hier ihre kargen Felder. Als aber im 19. Jahrhundert in England die ersten Textilfabriken entstanden und der Preis von Wolle nach oben schoss, verpachteten die Grundbesitzer ihr Land nicht weiter, sondern nutzten es als Schafweide. Sie zwangen die Kleinbauern, an die Küste zu ziehen, um Fischer zu werden, oder zahlten ihnen einen Teil der Überfahrt nach Kanada. „The Clearances“ nannte man den Vorgang beschönigend: die Räumung. Im Heimatmuseum von Brodick widmet sich ein eigener Bereich dieser Periode der Menschenvertreibung. Allein 1829 emigrierten 174 Menschen aus Arran. Von 106.000 Schotten, die 1847 die Reise antraten, starben 12.300 auf See. „Welche Hoffnungen, welche Ängste“, schrieb der Dichter John Sillars, „und als sie an Arran vorbeifuhren, versuchten sie noch einmal vergebens, die fernen Hügel zu berühren.“

Eine letzte Wanderung führt ins Glen Rosa, das Ideal eines schottischen Highlandtals. Weit, sanft, baumlos stehen die Hügel auseinander, die Hänge leuchten grün, durchbrochen von lila Heidekraut. Mittendurch schießt und schäumt ein torfbrauner Fluss über Felsen, die gesäumt sind von kleinen Erlen und kräftigem Farn. Der Pfad ist wie ein Hohlweg in den Torf getreten und windet sich gemächlich zum Sattel. Die Sonne zeichnet Tigerstreifen auf die Flächen, oder kringelige Leopardenflecken. Doch immer wieder kommt von vorn eine stürmische Breitseite, oben am Sattel bläst es wie im Windkanal. Düstere Wolken sammeln sich am Horizont. Aber das war ja klar: „Es wird Wetter geben“, hatte Jaqueline morgens gewarnt. Viertelstundenwetter.

INSEL-INFO

Anreise: Von Glasgow mit Bus/Mietwagen eine Dreiviertelstunde zur Fähre nach Ardrossan. Die Überfahrt dauert eine knappe Stunde. Auf der Insel gibt es ein dichtes Busnetz.

Infos: www.visitarran.com, www.taste-of-arran.co.uk, www.nts.org.uk

Compliance: Die Reise erfolgte auf Einladung von Wikinger-Reisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2019)