„Wetten ist seriöser als die Börse“

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bdquoWetten serioeser Boerseldquo(c) EPA (SHAWN THEW)
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Spanien ist der große WM-Favorit bei den Buchmachern. Wer einen Euro auf den iberischen Europameister setzt, erhält im Falle des Falles am 11. Juli fünf Euro ausbezahlt. Die Kasse klingelt bei Außenseitersiegen.

WIEN. Irgendwann hatte Georg Weber von der Wiener Börse genug. „Warum er sich ausgerechnet bei einem Wettanbieter bewirbt?“, wurde er bei seinem Vorstellungsgespräch gefragt. „Wetten ist seriöser als die Börse“, antwortete er. Heute ist Weber tipp3-Vorstand und an seiner Meinung hat sich nichts geändert.

„Beim Wetten gibt es weit weniger Unwägbarkeiten als an der Börse“, sagt er. Am Tag nach dem Anpfiff zur Fußballweltmeisterschaft ist Spanien der Titelfavorit, dicht gefolgt von Brasilien. Wer einen Euro auf den iberischen Europameister setzt, erhält im Falle des Falles am 11.Juli fünf Euro ausbezahlt. Für die Buchmacher wäre das nicht so lustig. Sie würden lieber einen Außenseiter gewinnen sehen. Griechenland zum Beispiel. Wer die Mannschaft der lebenden deutschen Trainerlegende Otto Rehhagel auf Titelkurs sieht, könnte für einen Euro am Ende 150 Euro einstecken. Und immerhin haben die Hellenen dies schon einmal bewerkstelligt. Als 1:80-Außenseiter gewannen sie die Europameisterschaft 2004.

„Außenseitersiege sind Siege für die Buchmacher“, sagt Stefan Wukovitsch von Wettanbieter bwin. Österreicher setzten auf Favoriten. Es gibt aber kulturelle Unterschiede, weiß tipp3-Vorstand Weber. „In der Türkei wird viel eher auf Außenseiter gesetzt.“ Das schwierigste Terrain für Buchmacher sei Serbien und die Länder des ehemaligen Jugoslawiens. „Die Menschen dort beschäftigen sich sehr intensiv mit Sport und wetten dementsprechend gut.“

Wie kommen Quoten zustande? „Die Mannschaften werden exakt analysiert. Wie sie gespielt haben, wie die Form ist, welche Gruppengegner es gibt“, erklärt Wukovitsch. Der zweite wichtige Faktor sei das Wettverhalten. Die Fans sehen Spanien immer mehr im Vorteil. Wer bei bwin am 10.Mai eine Wette auf Spanien platzierte, erhielt eine Quote von 1:5,5. Mittlerweile steht sie nur noch bei 1:4,75.

In den meisten Fällen sind sich die Buchmacher dieser Welt ziemlich einig. Aber mitunter schätzen sie die Lage derart unterschiedlich ein, dass ein gewiefter Wetter auf jeden Fall gewinnt. „Sure bets“, nennen das die Profis. Dies passierte in Österreich erst vor wenigen Tagen. Beim ORF-Promi-Kick „Das Match“ spielten Promis und Altkicker aus Deutschland und Österreich gegeneinander. bwin zahlte für einen Sieg Deutschlands und für Unentschieden pro Euro Einsatz mehr als drei Euro aus. Bei tipp3 standen die Quoten für einen österreichischen Sieg hervorragend. Und schon musste man nur auf alle drei Ausgänge wetten, um sicher einen Gewinn einzustreifen. Wie lange es dauert, bis „sure bets“ auffliegen? „Wenige Minuten“, erzählt Weber.

Nach Spanien und Brasilien sind Argentinien (1:6,5) und England (1:8) bei tipp3 sehr niedrig im Kurs – sprich im Favoritenkreis. „Aber die Engländer sind ein Volk für sich“, weiß Weber. Denn in keinem Land wird so viel und so verrückt gewettet. „Die Quoten für England sind deshalb auch immer viel zu niedrig“, sagt Weber. Die lokalpatriotischen englischen Fußballfans verzerren somit das Bild. England ist in Wirklichkeit nie so gut, wie die Wettquoten es vermuten lassen.

Verrückte Wetten gibt es allerdings nicht nur in Österreich. Während tipp3 sich auf Spielergebnisse konzentriert, setzt Mitbewerber bwin auf alles, was man rund um ein Fußballspiel verwetten kann. Welche Mannschaft hat Anstoß? Wer tritt den nächsten Eckball? Welches Team bekommt die nächste Gelbe Karte? Der Fantasie sind fast keine Grenzen gesetzt. „Die Wette muss eindeutig beweisbar sein“, sagt Wukovitsch.

Trotzdem hat sich so mancher Buchmacher mit seiner Kreativität schon ordentlich in die Bredouille gebracht. Etwa jener, der einst Wetten abschließen ließ, wer der nächste Bayern-München-Trainer wird. Es wurde Otto Rehhagel. Und tatsächlich hatten einige Leute die richtige Nase und hohe Beträge auf den richtigen Namen gewettet. Sie hatten das Geld mit ganz speziellen Kreditkarten überwiesen. Einer Sonderedition von „Visa“ für den FC Bayern München.

Noch teurer kam so ein Insidergeschäft übrigens einem Londoner Buchmacher. Er nahm Wetten an, ob das neue Wembley Stadion zum geplanten Eröffnungstermin fertig werden wird. Plötzlich hagelte es eine Lawine von „Nein“-Wetten. Und der arme Buchmacher wusste nach kurzer Recherche, warum er bei dieser Wette ordentlich draufzahlen würde. Die Wetten wurden nämlich von hunderten Bauarbeitern platziert. Und es wird berichtet, dass es auf der Wembley-Baustelle von einem Tag auf den anderen äußerst gemächlich zugegangen sein soll.

Die legendäre Córdoba-Wette

Apropos verrückte Engländer: Vor vielen Jahren sah ein Mann auf einer Kartbahn einen 13-Jährigen seine Runden drehen. Er ging zum Buchmacher und wettete 100 Pfund, dass dieser Knabe vor dem 25. Geburtstag Formel-1-Weltmeister sein wird. Der Knabe hieß Lewis Hamilton. Und knapp zehn Jahre später löste der Mann seinen Wettschein ein. Er kassierte 125.000 Pfund.

Auch tipp3-Vorstand Georg Weber hatte während der Euro 2008 eine tolle Marketingidee. Vor dem Spiel Österreich gegen Deutschland lancierte er die „Córdoba-Wette“. Wer auf einen 3:2-Sieg der ÖFB-Auswahl setzte, erhielt eine Quote von 1:78. Der Gag erwies sich als Renner. „Die Fans waren so euphorisch, dass sie hunderte Euro auf diese aussichtslose Wette setzten“, erinnert sich Weber mit Bangen zurück. Plötzlich musste sich der Wettanbieter im Reich der Casinos Austria gegen den unwahrscheinlichen Ernstfall eines 3:2-Sieges auf den internationalen Wettmärkten absichern. Das hatte ein wahres Kurs-Chaos zur Folge. Die Córdoba-Wette ging in die Buchmacher-Analen ein. Irgendwann nahm tipp3 keine Wetten mehr auf ein 3:2 für Österreich an.

Noch heute schmerzt Weber seine „gute Idee“. „Trotzdem erzähle ich die Geschichte gerne, weil sie die Komplexität des Wettgeschäfts wiedergibt“, sagt er und wendet sich dem Hauptgrund zu, der ihn einst von der Börse ins Wettbüro wechseln ließ: der Liebe zum Fußball.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2010)

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