Am Sonntag dürfte fast die Hälfte der Flamen für separatistische Parteien stimmen. Im „Presse“-Gespräch erklärt Geert van Istendael, einer der führenden belgischen Intellektuellen, warum.
BRÜSSEL. Wenn die Belgier wählen, rufen sie im Ausland üblicherweise zwei Reaktionen hervor: zuerst Desinteresse, dann Bestürzung. So dürfte es auch dieses Mal nach dem landesweiten Urnengang am Sonntag europaweit großes Erstaunen darüber geben, dass fast jeder zweite der rund 6,5 Millionen Flamen im niederländischsprachigen Norden seine Stimme einer Partei gibt, die für eine Teilung des 10,5-Millionen-Einwohner-Staates eintritt.
Die flämischen Nationalisten erhalten starken Zustrom. Laut der letzten Umfrage, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, beabsichtigen 24,4 Prozent der Flamen für die rechtskonservative, aber nicht fremdenfeindliche N-VA (Nieuw-Vlaamse Alliantie) unter dem 39-jährigen Historiker Bart De Wever zu stimmen, der über kurz oder lang ein unabhängiges Flandern will. Weitere 13,9 Prozent wollen für den rechtsradikalen Vlaams Belang stimmen, die Nachfolgepartei des 2004 wegen Rassismus verbotenen Vlams Blok. Dazu kommen diverse kleinere, ebenfalls die flämische Unabhängigkeit fordernde Listen. Unterm Strich dürfte also fast jeder zweite Flame für die Sezession stimmen.
Das flämische PR-Problem
Aber wollen sich die Flamen wirklich von ihren französischsprachigen Mitbürgern in der Wallonie trennen? Nein, wenn man sich Umfragen wie jene des Politologen Dave Sinardet von der Universität Antwerpen vor Augen führt. Nur jeder zehnte Flame bejahte die Frage nach der Unabhängigkeit.
Wenn man die flämische Seele im Speziellen und die belgische im Allgemeinen erkunden will, gibt es vermutlich keinen besseren Führer als Geert van Istendael. Der 63-jähriger Soziologe und Autor ist einer der führenden Intellektuellen Belgiens. Nur eine Minderheit der Flamen will die Spaltung – und trotzdem haben sie den Ruf, eigenbrötlerische Obskuranten zu sein. Wieso?
„Das kommt daher, dass die meisten ausländischen Journalisten, die in Brüssel tätig sind, die flämische Presse nicht lesen können“, sagt er im Gespräch mit der „Presse“. „Sie urteilen allein aufgrund von Berichten aus den französischsprachigen Zeitungen. Das ist so, als würde man in Nordirland die Lage beurteilen wollen, indem man nur die katholische oder die protestantische Presse liest.“ Ein wenig Selbstkritik, sagt van Istendael, sei aber auch notwendig. „Die Flamen sind nicht sehr begabt in Public Relations. Dabei hatten sie seit Jahrhunderten den Ruf, viele Fremdsprachen zu beherrschen. Trotzdem sind wir nicht sehr beliebt.“
Das liege auch daran, dass die Flamen lange Zeit von französischsprachiger Aristokratie und Bürgertum höchst abschätzig behandelt wurde – auch von jener in flämischen Städten wie Antwerpen oder Brügge. „Die geografische Sprachgrenze war historisch nicht die wichtigste“, sagt van Istendael. „Wichtiger war die Sprachgrenze zwischen den Klassen. ,Man spricht Flämisch nur mit den Tieren und den Knechten‘, war die Einstellung der Oberschicht. Rosa Luxemburg hat gesagt, dass man in Belgien den Klassenunterschied hören könnte.“
Heute hat sich das umgedreht. Flandern ist dank Dienstleistungswesen und Finanzwirtschaft reich, die Wallonie – durch Kohlegruben und Stahlwerken im 19. Jahrhundert mit Böhmen und Mähren die erste Industrienation Kontinentaleuropas – bitterarm. „Die Französischsprachigen in diesem Land haben alles verloren. Sie waren eine erstrangige Industriegesellschaft – und auch als erste pleite“, gibt van Istendael zu bedenken. „Die kulturelle Vorherrschaft haben sie auch verloren. Ebenso wie die politische: Seit den 1970er-Jahren hatten wir keinen französischsprachigen Premierminister mehr. Damals konnte man sagen: Die Wallonen sprechen kein Niederländisch. Heute sprechen die wichtigsten Politiker aus Wallonien und Brüssel alle Niederländisch.“
Der ewige Vorwand Sprachenstreit
Von der These, Belgien funktioniere auch ohne Regierung, hält er nichts: „Das hat man über Frankreich in der Vierten Republik (1946 bis 1958) auch gesagt – und dann kam De Gaulle.“ Der Sprachenstreit, der auch Auslöser der Neuwahlen ist, sei ein von allen Parteien gern missbrauchter Vorwand, um von echten Problemen abzulenken: „Warum? Weil man da immer als der Beste aus den Verhandlungen herauskommen kann: ,Ich habe nicht nachgegeben, ich bin ein guter Flame beziehungsweise Wallone oder Brüsseler, und die anderen sind Extremisten, die das Ende Belgiens wollen.‘“
Die Bürger sind dem machtlos ausgeliefert. Denn als Wallone darf man keinen flämischen Kandidaten wählen. Ebenso wenig haben die Flamen in der Wallonie das Wahlrecht. Van Istendael hielte es für sinnvoll, ganz Belgien zu einem einheitlichen Wahlbezirk zu machen. Er selber hofft, dass der 58-jährige Führer der wallonischen Sozialisten, Elio Di Rupo, neuer Ministerpräsident wird. Er liegt in den Umfragen mit 34,2 Prozent klar voran. „Er kommt aus der sprachlichen Minderheit, ist Sohn eines italienischen Gastarbeiters und homosexuell. Bravo, das ist Demokratie für mich!“
Schlussfrage: Löst sich Belgien auf, wie es die flämischen Separatisten wollen? „Jeder Staat in Europa löst sich auf – nur wir Belgier wissen es“, schmunzelt van Istendael. „Patriotismus haben wir nicht. Das ist sehr gut. Zweitens wissen wir, dass es auf der anderen Seite des Tisches einen ganz anderen gibt, der eine andere Sprache spricht und einer anderen Kultur angehört. Drittens gibt es eine gemeinsame belgische Kultur. Die Belgier sind nicht Franzosen und nicht Holländer und nicht Deutsche. Wenn man alles eindeutig haben will, klar und geradlinig, wird man Belgien nie verstehen.“
ZUR PERSON
■Geert van Istendael (geboren 1947 in Brüssel) ist Schriftsteller, Präsident des renommierten internationalen Theaterfestivals Kunstenfestivaldesarts, Vorsitzender der flämischen PEN-Autorenvereinigung und einer der pointiertesten Analytiker Belgiens.
■Niederländisch, Deutsch, Französisch:Van Istendael publiziert mühelos in mehreren Sprachen. Er hat früher als TV-Journalist für das belgische Fernsehen unter anderem Reportagen über die DDR gedreht und ein Buch über Egon Erwin Kisch geschrieben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2010)