Das Jammern ist eines der Lieblingshobbys von Journalisten: Jeder hat den meisten Stress, arbeitet die Wochenenden durch und betreut das mühsamste Gebiet – ein Wettkampf, der besonders zwischen den Fachgebieten hart geführt wird, die von der Außenwelt sowieso als verlängerter Dauerurlaub unter Palmen betrachtet werden. Besonders betroffen bin da natürlich ich, die Kunstkritikerin. Und der Gourmetkritiker. Was liegt also näher, als die Rollen zu tauschen (vor allem, wenn der andere tatsächlich gerade auf Urlaub weilt).
Herrlich. Ich eile also, wohin ich immer schon einmal wollte: in „Hollmanns Salon“. Erstens, weil er so malerisch im Heiligenkreuzer Hof liegt (Ästhetik). Und weil Salons mich magisch anziehen (Kunstgeschichte). Wir kamen zu acht und zugegeben ein wenig spät – eineinhalb Stunden vor Küchenschluss. Wir bestellten. Nach zehn Minuten hieß es, es gingen sich jetzt nur noch zwei Gänge aus. Nicht die drei bestellten (die noch dazu günstiger gewesen wären). Gut. Wir bestellen um. Nach zehn Minuten hieß es, es gäbe nur mehr zweimal Pasta, nicht viermal. Gut. Wir bestellen um. Eine halbe Stunde später kommen von den raren Nudeln zweimal zu viel auf den Tisch. Interessant! Und beim anderen Teil der Gerichte fehlte die angekündigte Gänseleber. Wir kannten die Karte nämlich mittlerweile auswendig. Im Gegensatz zur Kellnerin, die nachfragen musste, was auf die Teller gehörte. Vielleicht ein Schnapserl aufs Haus? Oder gar eine kleine Entschuldigung? Die kam in Form von grellem Licht, das Punkt 22 Uhr eingeschaltet wurde. Wahrscheinlich, damit wir besser die Rechnung in vier Teile dividieren konnten. Unter den Argusaugen des Personals. Lieber Kollege vom Gourmet-Resort, die Kunstkritikerin gibt w.o. Du hast deinen Urlaub echt verdient.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2010)