Ein Komponistengenie wird wiederentdeckt, ein Alchemist ausgegraben, Weinwissen systematisch erweitert. Wenn man von Kirchberg am Wagram in dieses Dorf-Idyll kommt, rechnet man nicht mit derlei Entdeckungen.
Nach zwei spannenden Musikgeschichtestunden mit Adolf Ehrentraud ist auch der Pragmatiker überzeugt: Große Ungerechtigkeit widerfuhr dem berühmtesten Spross von Ruppersthal. Man vergaß ihn einfach, schon so bald nach seinem Tod anno 1831. Dabei war Ignaz Joseph Pleyel der meistgespielte Komponist seiner Zeit. Er wurde öfter kopiert und schlechter gecovert, als ihm lieb war, sodass er beschloss, seine Werke selbst zu verlegen.
Was für ein Kapazunder wuchs doch mitten am Wagram auf: Pleyel war ein Schüler Haydns, der ihn für seinen begabtesten hielt; auch Mozart äußerte sich bewundernd über den früh nach Frankreich abgewanderten Vielkomponierer und Klavierbauer. Man müsse, empfiehlt Ehrentraud, ja nur Briefe der beiden Giganten lesen, um zu verstehen, welcher Stellenwert Pleyel denn zukäme. Dass die Welt den Komponisten so langsam wiederentdeckt, ist mit ein Verdienst des Professors, der einfach nie lockerlässt, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Nur so konnte in Ruppersthal aus einer Bruchbude ein hübsches, sehenswertes Museum werden, nur so kann in Zukunft an ein sehr viel größeres Bauprojekt gedacht werden.
Bewohnte Lösswände
Wenn man von Kirchberg am Wagram oder von Großweikersdorf in dieses Dorf-Idyll kommt, rechnet man nicht mit derlei Entdeckungen. Man geht nicht davon aus, dass sich hier zwischen den Weinreben und Heuballen, Getreidesilos und Schlössern des Wagrams die internationale Fachwelt zum wissenschaftlichen Austausch und aufmerksame Hörer zu Matineen treffen, bei denen das Pleyel-Museum aus allen Nähten platzt.
Aber der Besucher wird bald eines Besseren belehrt. Diese Gegend an dem von Urmeer und Donau verursachten Geländeabbruch – so lässt sich „Wagram“ wohl übersetzen – birgt einige Überraschungen. Die geringste darunter ist noch die, dass hier zwischen Gösing und Absdorf ausgezeichneter Wein gedeiht und produziert wird, Grüner Veltliner vor allem. Das weiß der Besucher bereits, der einmal in ein Kellergassenfest von Fels oder Königsbrunn hineingeraten ist und so schnell nicht wieder nach Hause gefunden hat. Auch der Gourmet weiß, was Sache ist, wenn er Bernhard Otts innovative Weine (auch in Amphoren) mag und die zwei Vorzeigeadressen der kleinen Region an der Donau – Mörwalds „Zur Taube“ in Feuersbrunn und das Gut Oberstockstall – auch von innen kennt. Damit hat sich aber auch bei der Genussfraktion das Wagram-Wissen weitgehend erschöpft.
Kritisch beäugt Wagram-Guide Werner Hübl die Optik von manchen Objekten in der Kellergasse. Ihm gefällt das Pure, das Authentische, das Rohe dieser Erdkeller, weniger aber jene Fassaden, die mehr nach Partykeller, Landgasthaus oder Waschraum denn nach harter früherer Winzerarbeit aussehen. Weil die heutigen Winzer ihren Wein aus servierpraktischen Gründen aber lieber bei sich im Betrieb lagern, wurden viele dieser Keller letztlich funktionslos. Ein Glück für jene, die sie freizeitlich nutzen. Und eine Freude für die Besucher, wenn sie sich alle einmal zu einem Fest zusammentun.
Mit dem Traktor, Steyr 180, Baujahr 1947, knattert Hübl durch die wunderbare Gegend, durch die tiefen Hohlwege hinauf auf das Hochfeld, wo das Gelände leichte Wellen schlägt und eine leichte Brise drüberbläst. Hintendran an seinem Traktor hängt ein Feuerwehr-Mannschaftswagen, voll besetzt mit Gästen, naturgemäß gut gelaunt, denn die Tour erfolgt, wie sie sich die wünschen: mit Zwischenstopp bei(m) Heurigen, mit Picknick im Weingarten, mit einem Abstecher zu ferneren Zielen wie dem Märchenschloss Grafenegg, mit einem Transfer zum Mittagessen in Oberstockstall.
Dazwischen streut der Hübl Wagram-Basics ein. Etwa kleine Lösskunde: Bienenfresser wohnen hier in diesen Wänden, bunte, schöne Vögel, oben sitzen Weinterrassen auf. Bis zu 20 Meter dick kann diese Schicht sein, in der die Rebstöcke tief wurzeln.
Ein Bankerl an der Geländekante ist Hübls Lieblingsplatz, weil man da die geologische Eigenheit sehr gut erkennt. Weil man an klaren Tagen über das Tullnerfeld und die Donauauen hinweg bis weit ins Alpenvorland hineinsieht, zum Ötscher, zum Schneeberg und zur Rax. Weil sich unter den Weinterrassen der Ort Königsbrunn befindet – und dort wiederum Winzerbetriebe wie jener von Stefan Bauer, wo man gleich auf ein Achterl Roten Veltliner einkehrt. Seinem Vater hat man schon bei der Laubarbeit oben auf dem Plateau zugewinkt.
Der Wein und die Chemie
Ja, der Wein am Wagram. Da gibt es kein Vorbeikommen dran. In Kirchberg ist vor Kurzem eine neue Vinothek entstanden, die allein schon der Architektur wegen den Besuch rechtfertigt. Das Architektenbüro Gerner und Gerner hat hier einen luftigen Bau an die Kante gesetzt, lichtdurchflutet und genau so positioniert, dass man nur über Weinterrassen blickt. An die 50 Winzer sind hier vertreten.
Nach einer längeren Verkostung besteht in dieser, leider von Gästebetten wenig gesegneten Gegend dennoch kein Anlass, um ins Auto zu steigen. Einmal umfallen, und man befindet sich schon vor dem „alten Winzerkeller“, dem Hotel garni von Ernst Vogel, der ursprünglich eine Vinothek in dem alten, mit Bedacht sanierten Haus beherbergt hat. Auch jetzt lagert in seinem Riesenkeller noch einiges: repräsentative Tropfen aus dem Weinbaugebiet Wagram für die Gäste, die, sofern sie Glück haben, eines der gefragten Genießerzimmer ergattern.
Nicht alles erschließt sich am Wagram von allein. Ausstellungstechnisch besser aufzuarbeiten wäre in Kirchberg am Wagram das Thema, das 1980 die Fachwelt der Chemiker und Historiker aufhorchen ließ. Durch Zufall stieß Fritz Salomon in der Sakristei der kleinen Kirche im Schloss Oberstockstall auf die Überbleibsel eines alchemistischen Labors. Nahezu unversehrt waren die Gefäße, und die Fülle der Funde gab Aufschluss über ein ganz modernes metallurgisches Labor aus dem 16. Jahrhundert. Was den Alchemisten veranlasst hat, alles in einer Grube zu versenken, weiß man nicht. Noch nicht.
Info: Donau Niederösterreich, www.donau.com; Region Wagram, www.regionwagram.at
Einkehren: Gut Oberstockstall, www.gut-oberstockstall.at;
Vinothek Weritas, www.weritas.at
Übernachten: Alter Winzerkeller (Genießerzimmer), www.alterwinzerkeller.at
Unterwegs: zahlreiche Radwege;
Traktortouren: T 0664/396 75 94
Anschauen: Pleyel-Museum, www.pleyel.at; Schloss Grafenegg, www.grafenegg.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2010)