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Sozialprojekt

Rumäniens verlorene Kinder

Ihre Eltern gaben Gentuța weg, sie lebte in Heimen und auf der Straße. Bei Concordia hat sie nun eine Heimat gefunden.
Ihre Eltern gaben Gentuța weg, sie lebte in Heimen und auf der Straße. Bei Concordia hat sie nun eine Heimat gefunden.(c) Erich Kocina
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Nach dem Sturz von Diktator Ceauşescu 1989 gingen Bilder vom Elend in Rumäniens Kinderheimen um die Welt. Manche Bewohner landeten auf der Straße – die Hilfsorganisation Concordia gibt ihnen ein Heim und eine Familie.

Bukarest. Gentuța hält ihre Babypuppe im Arm, herzt sie, streichelt sie. Sie selbst hat Zärtlichkeiten wie diese nie zu spüren bekommen. „Ich vermisse meine Mutter“, erzählt sie. Gesehen hat sie sie schon seit Jahren nicht mehr. Und eine enge Bindung zu ihr konnte sie auch nie aufbauen. Denn schon mit drei Jahren wurde sie von ihren Eltern weggegeben. Viel kann sie nicht erzählen über ihre Familie. Nur, dass sie eine Schwester hat. Aber über die weiß sie nur sehr wenig. Und dass die Mutter an Diabetes leidet. Das war es.

Aufgewachsen ist Gentuța in einem der staatlichen Kinderheime in Rumänien. Liebe oder Geborgenheit gab es dort nicht. Und auch niemanden, der sich so um sie gekümmert hätte, wie Eltern das normalerweise machen. „Meine Mutter hat mir einmal gesagt, dass es ihr leidtut, dass sie mich nicht aufziehen konnte“, erzählt sie. Schuld an allem sei der Vater gewesen, ein Alkoholiker. Er habe das Kind nicht sehen wollen, habe Druck gemacht. Und die Mutter hielt diesem Druck nicht stand.

 

Eine neue Familie

Nach ihrer Zeit im Heim lebte Gentuța jahrelang auf der Straße. Ertragen ließ sich dieses Leben nur dadurch, dass sie es ausblendete. Da war Alkohol, vor allem Wein und Bier, und da waren Drogen – so wie viele der Straßenkinder in Rumänien schnüffelte sie Klebstoff. Schließlich wurde sie von einem anderen Mädchen auf der Straße auf die Hilfsorganisation Concordia aufmerksam gemacht. Auf das Casa Lazarus, in dem es das Angebot gab, die Nacht im Warmen zu verbringen und etwas zu essen zu bekommen.

43 Jahre alt ist sie mittlerweile. Und hat durch Concordia eine neue Familie, wie sie sagt. Gemeinsam mit vier anderen Frauen wohnt sie heute im Casa Hannes, unweit des Zentrums von Bukarest. Eine Einrichtung der Sozialorganisation, in der seit 2015 Frauen untergebracht sind, die früher auf der Straße lebten.

Die Frauen, die hier im Casa Hannes leben, werden auch hier sterben.

Diana Certan, Concordia Rumänien

Ihre Mitbewohnerin Ionella hat eine ähnliche Odyssee hinter sich. Auch sie wuchs in einem rumänischen Kinderheim auf. Auch sie erlebte Einsamkeit, Demütigung, Gewalt. Und sexuellen Missbrauch. „Die Hübschen sind damals auf die Seite gebracht worden“, erzählt sie. Jahrelang habe sie aus Angst nicht schlafen können, eine Zeit lang habe sie auch ins Bett gemacht. „Zur Strafe hat die Erzieherin meine Finger in eine Tür eingeklemmt.“ Einmal lief sie davon – als sie zurückgebracht wurde, wurde sie verprügelt. „Es war sehr schlimm“, erzählt die heute 40-Jährige.

Als sie mit 18 Jahren das Heim endlich verlassen durfte, waren die Voraussetzungen für ein selbstständiges Leben nicht gut. Kein Wunder, denn eine Vorbereitung auf das Leben nach dem Heim, auf das Erwachsensein war im System nicht vorgesehen. Tatsächlich fiel es ihr auch schwer, irgendwo Fuß zu fassen. „Ich habe an vielen Orten gelebt“, erzählt sie. In staatlichen Sozialappartements, für einige Jahre auf der Straße. Bis auch sie irgendwann in Kontakt mit Concordia kam. „Hier habe ich Leute getroffen, die sich Zeit dafür genommen haben, was ich zu erzählen hatte.“

 

30 Jahre Revolution

30 Jahre ist die Revolution nun her, der Sturz von Diktator Nicolae Ceauşescu. Ein Ereignis, das im Land gefeiert, als Befreiung erlebt wurde. Doch bald musste die Euphorie der Realität weichen. Und die sah an vielen Ecken trist aus. Vor allem die Bilder von völlig vernachlässigten Kindern in staatlichen Heimen gingen um die Welt. Lösten eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Und spielten mit eine Rolle für die Gründung von Concordia. Die Rettung der verlorenen Kinder und Jugendlichen aus Heimen und von der Straße war das Gebot der Stunde.

Viele hat man seit damals von der Straße geholt. Ihnen zunächst ein Zuhause gegeben, eine Art Familie. Und eine Perspektive. Stets entwickelte sich die Organisation mit den geänderten Verhältnissen weiter. Statt auf Heime setzt man heute auf familienähnliche Unterbringung – oder hilft dabei, dass die Kinder bei ihren echten Eltern bleiben können. Für Jugendliche gibt es Betreuung beim Lernen, man organisiert Job-Coachings, hilft bei der Suche nach Arbeitsplätzen. Ja, man betreibt in Bukarest sogar ein Bed and Breakfast, in dem Jugendliche ausgebildet werden und arbeiten können. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet.

Meiner Mutter habe ich inzwischen vergeben, dass sie mich weggegeben hat.

Gentuța, Bewohnerin des Casa Hannes

Das Casa Hannes fällt hier aus der Reihe. „Es ist eine der wenigen Einrichtungen, die auf Dauer angelegt ist“, sagt Diana Certan, Leiterin von Concordia Rumänien. „Die Frauen, die hier im Casa Hannes leben, werden auch hier sterben.“ Sie alle haben gemeinsam, dass sie geistig beeinträchtigt sind. Und dass sie nach Jahren auf der Straße verschiedenste Krankheiten haben. Ein Leben außerhalb könnten sie nicht mehr bewältigen. Für sie geht es darum, ein Leben in Würde zu führen. Häkeln und Handarbeiten, das sind Tätigkeiten, denen Gentuța und ihre Mitbewohnerinnen nachgehen. Eine therapeutische Werkstätte, in der sie etwa Fingerpuppen fertigen.

 

Frieden mit der Vergangenheit

„Ich bin dankbar“, sagt Gentuța. Für die Chance, hier zu wohnen. Für das Essen. Für die Arbeit. Und vor allem dafür, dass sie jetzt endlich eine Familie hat. Das lässt sie auch die dunkle Vergangenheit besser ertragen. „Meiner Mutter habe ich inzwischen vergeben, dass sie mich weggegeben hat“, meint sie. Und auch Ionella ist glücklich, dass sie im Casa Hannes angekommen ist. Auch sie versucht, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen. Selbst, wenn ihr das nicht zu hundert Prozent gelingt. „Wenn ich früher zu Concordia gekommen wäre“, meint sie, „hätte ich viel mehr für meine Zukunft erreichen können.“

"Die Presse" hilft

Das Sozialprojekt Concordia hilft Menschen in Rumänien, Bulgarien und der Republik Moldau. „Die Presse“ hat ein Spendenkonto eingerichtet:

Raiffeisenbank NÖ-Wien IBAN: AT66 3200 0000 0703 4499 KW: „Die Presse Weihnachtsaktion“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2019)