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Quergeschrieben

Bei Gewalt und Mord endet die Toleranz für religiöse Werturteile

Aus Angst, von Fundamentalisten als „islamophob“ gescholten zu
werden, schweigen wir zu struktureller Gewalt im konservativen Islam.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

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Es passiert Tag für Tag, überall in Europa und auf der Welt. Die Zahl der Frauenmorde nimmt in erschreckender Weise zu. Der „Femizid“ ist mittlerweile ein gängiger Begriff geworden. Auch in Österreich erleben wir eine dramatische Serie an Frauenmorden. Die Femizide haben ein derartiges Ausmaß erreicht, dass Frauen aus Empörung über das Versagen der Behörden und aus Solidarität für die Opfer auf die Straße gehen. In Frankreich gibt es seit Wochen Protestkundgebungen. In der islamischen Welt, in der Türkei und in Ägypten, wurden die Demonstrationen mit Tränengas gewaltsam aufgelöst.

In den europäischen Medien wird seit Wochen umfassend über das Thema und die Proteste berichtet. Ein Aspekt wurde jedoch bisher sorgfältig ausgeblendet: Nämlich die Gewalt im migrantischen und islamischen Milieu. Gewalt gegen Frauen kommt keineswegs nur dort vor und patriarchale Strukturen hat es immer schon gegeben, auch in Europa.

In Österreich wurde erst in den 1970er-Jahren der Zustand beendet, dass dem Mann die Verfügungsgewalt über Frau und Kinder zusteht. Durch die rechtliche Gleichstellung der Frau wurden Dominanz und Gewaltausübung von Männern nicht beseitigt. Dennoch hat sich ein Unrechtsbewusstsein entwickelt, es wurden viele Maßnahmen gesetzt, selbst wenn diese noch ungenügend sind. Es ist in westlichen Ländern gesellschaftliche Norm, dass Frauen selbstbestimmt leben und frei entscheiden können, auch wenn sich etliche Männer mit der Gleichberechtigung immer noch schwer tun.

Derzeit kommt es zu einem Wiedererstarken patriarchaler Strukturen, durch Zuwanderung und Einflüsse aus Ländern, in denen ein archaisches Geschlechterverhältnis vorherrscht und wo die Herrschaft des Mannes über die Frau noch immer geltendes Recht und Prinzip in der Religion ist. Das konstatiert auch der in Deutschland lebende Psychologe und Extremismusexperte Ahmad Mansour, gebürtiger arabischer Israeli.
Er sieht einen klaren Zusammenhang zwischen den stark patriarchalen Strukturen in konservativen islamischen Milieus und der Zunahme von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Man sei nicht bereit, die in Europa gültige Gleichstellung und Selbstbestimmung der Frau zu akzeptieren, das sei Hauptthema bei der Frage der Integration. Es sei vor allem die Angst vor Kontrollverlust über Ehefrauen und Schwestern, die Angst, die eigene Vormachtstellung zu verlieren, die diese Männer zu Gewalttätern und Mördern werden ließe, analysiert Mansour in seinem Buch „Klartext zur Integration“.

Das führe dazu, dass sie ihre Frauen, die sie verlassen wollen, oder ihre Schwestern, die aufbegehren, mit Gewalt unter ihre Kontrolle bringen. Männer nach einer Gewalttat wüssten oft nicht einmal, was sie falsch gemacht hätten. Gewalt gegen Frauen und Kinder ist im Islam und im islamischen Recht legitim, ja, sie wird bei „Ungehorsam“ gefordert.
Österreichs Frauenhäuser sind vor allem für Migrantinnen ein wichtiger Zufluchtsort, sie bilden dort die Mehrzahl. Sie sind Opfer, weil es ihre Männer für gerechtfertigt halten, sie zu schlagen; weil sie finanziell abhängig sind; weil sie die Landessprache nicht oder nur schlecht sprechen; weil sie hier keine Familie oder in ihrer Gemeinschaft keinen Rückhalt haben; weil sie sonst niemanden haben, der ihnen helfen kann.

Wir machen uns mitschuldig. Aus Angst, von islamischen Fundamentalisten als „islamophob“ gebrandmarkt zu werden, blenden wir im Diskurs über Femizide diese spezielle Dimension lieber aus. Aus Sorge, dass dies „Rassisten“ und deren politischen Vertretern in die Hände spielen könnte, verschweigen wir diese Opfer.
Das ist nicht akzeptabel. Gerade diese Frauen und Mädchen brauchen unsere Solidarität und unsere Unterstützung in ihrem schwierigen Kampf um Selbstbestimmung. Ganz nach dem Motto der französischen Protestbewegung müssten wir vielmehr dem Prinzip folgen: „Nous toutes“ – wir alle!

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula Walterskirchen ist Historikerin und Publizistin. Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt. Seit 2017 Herausgeberin der „Niederösterreichischen Nachrichten“ und der „Burgenländischen Volkszeitung“.