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Kirche

Der Kardinal und das Wunder

„And the Angels Sing“: Dorretta Carter bewegte im Stephansdom auch die Gäste zum Mitsingen.
„And the Angels Sing“: Dorretta Carter bewegte im Stephansdom auch die Gäste zum Mitsingen.Juergen Hammerschmid

Christoph Schönborn ließ im Wiener Stephansdom von einer Marienerscheinung erzählen, die 1256 in Italien ein homosexuelles Paar gerettet haben soll.

Sollte es jemandem langweilig werden während des Programms, dann“, riet Kardinal Christoph Schönborn in seiner Begrüßung, „schauen Sie einmal herum und fangen Sie an zu zählen, wie viele Engel Sie im Dom finden.“ Engel zählen musste wohl niemand während dieser Langen Nacht der Solidarität, mit der am Samstag im Wiener Stephansdom in den Welt-Aids-Tag hineingefeiert wurde. Deshalb nicht, weil Burgtheater-Regisseur Alexander Wiegold ein hochkarätiges Programm rund um die „Sehnsucht nach den Engeln“ zusammengestellt hatte. Und auch deshalb nicht, weil der Kardinal selbst gleich zu Beginn einen Bericht über ein Wunder in Aussicht gestellt hatte.

Ein Wunder, „auf das ich eher zufällig gestoßen bin, ein Wunder, das mich sehr berührt hat. Ich hoffe, es wird Sie auch berühren.“ Erzählt wurde das „Wunder von Montevergine“ dann kurz nach Mitternacht von Chris Lohner. An einem kalten Wintermorgen 1256, so die Überlieferung, seien in der Gegend von Neapel zwei verliebte Männer dabei beobachtet worden, wie sie händchenhaltend und küssend auf dem Weg zur Andacht waren. Aufgebracht über die gleichgeschlechtliche Liebe, habe die Menge sie ausgezogen, verprügelt und in den Wald von Monte Partenio gezerrt. Dort wurden die beiden in der Nähe des Schreins der Madonna von Montevergine an einen Baum gefesselt und in der Kälte ihrem Schicksal überlassen. Einigen Quellen zufolge seien die beiden zuvor auch noch mit Eis bedeckt worden.

Kardinal Schönborn und Dorretta Carter
Kardinal Schönborn und Dorretta CarterJuergen Hammerschmid

Doch die Madonna, so hieß es, sei vom Schicksal der beiden Männer bewegt gewesen. Sie schickte ihnen im Dunkel der Nacht wärmende Sonnenstrahlen, um sie vor dem sicheren Tod zu retten. Das Eis schmolz und die Liebenden waren auf wundersame Weise frei und gesund. Durch das Wunder bewegt, nahm die Dorfgemeinschaft die beiden Männer wieder auf. Heute gelte die Madonna von Montevergine als Schutzheilige der Homo- und Transsexuellen, jedes Jahr zu Maria Lichtmess pilgern sie zu ihr in das italienische Benediktinerkloster.

„Platz für jede und jeden“

Die Erzählung des vermutlich einzigen in der Kirchengeschichte aufgezeichneten Wunders, in dem Maria ein gleichgeschlechtliches Paar vor homophober Gewalt rettet, war der Höhepunkt eines so schon kirchenintern wagemutigen Abends. Seite an Seite waren der Kardinal und Life-Ball-Gründer Gery Keszler in den Stephansdom eingezogen; nicht nur alle Künstler, auch Schönborn und Dompfarrer Toni Faber trugen das Red Ribbon als Zeichen der Solidarität mit allen an Aids Erkrankten und Verstorbenen – Letzteren und deren Familien galt das Gedenken dieser Nacht.

Kardinal Christoph Schönborn, Gery Keszler und Toni Faber
Kardinal Christoph Schönborn, Gery Keszler und Toni FaberJuergen Hammerschmid

Ihr Erlös kam Malteser-Pater Gerhard Lagleder zugute, der in Südafrika mit der „Brotherhood of Blessed Gérard“ HIV-Infizierte und Aidskranke unabhängig von Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung betreut und sich dabei als Ziel gesetzt hat, „wie ein Engel für andere da zu sein“. Um das zu können, hatte er sich, als das Geld für Medikamente nicht mehr reichte, an Kardinal Schönborn gewandt – und der sich an Gery Keszler.

Solidarisch dann auch der Abschiedsgruß des Kardinals: Er danke „dem lieben Gott, wie wir in Österreich sagen. Danke, dass in seiner Schöpfung Platz für jede und jeden ist, und dass er will, dass sich keine und keiner ausgeschlossen fühlt“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2019)