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Morgenglosse

London Bridge

(c) REUTERS (TOBY MELVILLE)

Die Brücke, die den Namen der Stadt trägt, machte die Stadt.

Zum zweiten Mal in zwei Jahren ist die London Bridge zum Schauplatz eines Terroranschlags geworden. Wo sonst Hunderttausende die Themse zwischen Norden und Süden überqueren, sperren jetzt Polizeibarrieren den Tatort. Passanten legten das ganze Wochenende schweigend Blumen nieder. Es ist eine Geste der Anteilnahme, aber auch der Verwundung.

Denn wer die London Bridge angreift, greift London an. „Ohne Brücke keine Stadt“, schreibt der Ingenieur David Riley, der älteste Siedlungsspuren auf beiden Themseufern untersucht hat. Der Fluss war einst nur mit einer Fähre zu überwinden, erst die Römer legten eine erste Pontonbrücke an. Londinium war geboren. 

Bis 1729 war die Brücke die einzige Überquerung der Themse flussabwärts von Kingston im Westen Londons. Mit der Infrastruktur stellten sich die Anglosachsen aber deutlich ungeschickter als die Römer an: Niemand weiß genau, wie alt der Kinderreim „London Bridge is falling down“ eigentlich ist. Manche meinen, es sei als Spottlied gedacht gewesen. Ungeachtet dessen wächst seit spätestens dem 18. Jahrhundert jede Generation Londoner  damit auf. 

Eine andere Interpretation lautet, dass das Lied eine Warnung vor der Vergänglichkeit sei: Holz wird weggeschwemmt, Stein bricht und Eisen wird gestohlen. Und dann gibt es da noch die Deutung, die man in diesen Tagen eindeutig am liebsten hört: Es seien nur die menschlichen Opfer, die ein Bauwerk wie die London Bridge, im Sturm der Gezeiten und dem Tosen der Weltenläufte, instandhalte. 

Der vergangene Freitag lieferte dafür ein Zeichen: Es waren mutige Passanten, die sehenden Auges in die Gefahr rannten, um den Amokläufer zu überwältigen. Wäre es nicht das Heldentum des Menschen, dann würde es wirklich geschehen: „London Bridge is falling down“.