Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw absolviert am Sonntag sein 50. Länderspiel. In Südafrika übernimmt er die Rolle des Übervaters.
Pünktlichkeit eine deutsche Tugend? Wer dieser Tage auf die Übertragung der täglichen Pressekonferenz aus dem deutschen Team wartet, braucht Geduld. Nervöse Journalisten telefonieren hektisch und fordern einen späteren Andruck. Fernsehstationen, die live vom DFB-Team berichten, müssen ihre Zuseher mit Archivmaterial vertrösten. Joachim Löw hält sich nicht an den Zeitplan der anderen. Nur seiner zählt. Und den hat er vor dem Spiel gegen Australien adaptiert. Die Mannschaft braucht längere Trainingseinheiten. Und so musste am Freitag sogar Franz Beckenbauer eine halbe Stunde auf Übungsleiter Löw warten, bevor sie gemeinsam vor das Mikrofon traten. „Ich bin die Ruhe selbst“, sagte Löw fast schon provokant.
Wer Löw kennt, weiß, dass er kein Provokateur ist. Zweieinhalb Jahre arbeitete er in Österreich, wurde 2002 mit Tirol Meister und anschließend von der Stronach-Austria als Tabellenführer gefeuert. Löw ist ein Fußballlehrer im besten Sinne des Wortes. Er war es, der vor vier Jahren das deutsche Sommermärchen inszenierte. Er war der Regisseur im Hintergrund, Jürgen Klinsmann der Hauptdarsteller, der Motivator. Der gewiefte Taktiker Löw spielte die zweite Geige, gab aber den Ton an.
Seit dem 1. August ist er Trainer der DFB-Elf. Seine Bilanz: 34 von 49 Begegnungen gewonnen, nur siebenmal ging seine Elf als Verlierer vom Platz. Von so einer Quote konnten die Trainerlegenden Sepp Herberger, Helmut Schön oder Franz Beckenbauer nur träumen.
Löw macht sich rar. „Dieser Mannschaft gehört die Zukunft. Wie sie auf Extremsituationen reagiert, muss man abwarten.“ Dies wiederholt Löw immer wieder. Viel mehr gibt es für ihn auch kaum zu sagen. In Südafrika macht er sich rar. Stellt sich seltener vor die Kameras. Der 50-jährige „Jogi“ Löw aus dem Schwarzwald mimt den Unnahbaren, aber zugleich Entschlossenen.
Dieses zur Schau gestellte Selbstbewusstsein soll wohl eines der größten Probleme der deutschen Mannschaft übertünchen. „Wenn es hart auf hart kommt, dann schauen sich die Spieler in der Kabine um – und wenn dort Typen wie früher Beckenbauer, Cruyff oder Zidane neben dir sitzen, dann glaubst du daran, alles zu schaffen“, sagt Arsène Wenger der „Welt“ und erklärt so, warum der Ausfall von Kapitän Michael Ballack so ungeheuer schmerzvoll ist. Routinier Miroslav Klose steckt im Formtief. Nun muss Löw selbst als Übervater der deutschen Rasselbande herhalten.
Aber die Mannschaft mit ihrem Altersdurchschnitt von etwa 25 Jahren hat mit Schweinsteiger, Lahm und Podolski drei Junge mit WM-Erfahrung. Und mit Arne Friedrich und Klose weitere zwei WM-Haudegen. Ja: Löw setzt im Spiel gegen Australien allen Unkenrufen zum Trotz auf Klose. Und er tut dies mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch duldet. Gleichzeitig wird der bei den Bayern so überragende Thomas Müller wohl auf der Ersatzbank sitzen. Löw dürfte Piotr Trochowski das Vertrauen schenken.
Klose spielt gegen Australien. Unbeirrbar von 80 Millionen Teamchefs in Deutschland geht Löw seinen Weg. Und einer seiner Erfolgsrezepte ist Konkurrenzkampf im Team. Das gelingt ihm bisher, ohne dass die Stimmung in der Mannschaft leidet. „Hier kann etwas Großes entstehen“, sagt Bastian Schweinsteiger. Und Philipp Lahm tönt: „Das ist die beste Nationalmannschaft, in der ich je gespielt habe.“ Er attestiert dem Team mehr Qualität als bei der Heim-WM 2006 und bei der Euro 2008. „Wir haben viel mehr spielerische Typen und spielen nicht mehr typisch deutsch.“
Aber vielleicht spricht Lahm gerade damit das größte Problem an: „Typisch deutsch“ wäre es, grottenschlecht zu spielen, und am Ende im Finale zu stehen.
Und was sagt „Jogi“ Löw? „Ich habe ein ruhiges Gewissen“, sagt er.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2010)