Unqualifiziertes Blabla

Werbung auf Shampooflaschen und Hass auf Wikipedia: Unqualifiziertes Blabla ist eine der übelsten Begleiterscheinungen einer WM. Aber sicher nicht die einzige.

Sehr geehrte Fußballfans (als Leser der WM-Seiten darf ich Sie so ansprechen), eine kurze Frage oder zwei. Haben Sie am Donnerstag das dreistündige Eröffnungskonzert gesehen? Nein? Und die Zeremonie am Freitag? Auch nicht? Gut, dann lehnen Sie sich bitte jetzt entspannt zurück. Bevor Sie ärgerlich protestieren, dass derlei mit Fußball doch gar nichts zu tun hat, möchte ich nämlich nur sagen: ganz genau.

Denn wahr ist: Zu WM-Zeiten ist, wo Fußball draufsteht, oft keiner drin. Das ist so, war so und wird künftig noch viel stärker der Fall sein, verbuchen können Sie den Hang zur Schummelpackung unter No-na-Nebenwirkung wachsender Mainstream-Popularität. Kicken sells eben – und zwar inzwischen fast alles: südafrikanische Bildungskampagnen und umfassende europäische Afrika-Berichterstattung, aber halt auch fast jeden Unsinn. Weshalb eine WM neben verdienstvollen und logischen Begleiterscheinungen auch sehr viele lästige hat.

Lästige und oft absurde. Oder wie kommt man eigentlich auf die Idee, Joghurt und Mittel gegen Sodbrennen mit der WM zu bewerben? Ersteres soll das vom Fußballfieber angegriffene Immunsystem stärken, zweiteres den Magen nach (zuvor ebenfalls beworbenen) Snackgelagen vorm TV-Gerät. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Kopfwehtabletten (das viele Bier!) ins Werbekarussell einsteigen, Louis Vuitton und Männerkosmetika fahren ja bereits seit einigen Runden mit. Auch auf meinem Shampoo klebt neuerdings ein Fußballsticker. Warum? Darum.

Aber nicht nur auf die Werbung, auch auf einen anderen Kollateralschaden ist Verlass. Pünktlich zur WM öffnet sich Pandoras Box in Sachen unnützes Angeber-Halbwissen, die dank Wikipedia prall gefüllt ist. Was, Sie wissen nicht, wann es das erste Mal ein WM-Maskottchen gab, wie es aussah und hieß? Shocking.

Nicht schockierend, bloß erwartbar ist dagegen die „heißeste Kicker-Freundinnen“-Bilderroutine. Aber was soll man machen, die Leute mögen das. Genauso wie „Fußball und Frauen“-Klischees. Auch 2010 stehen Frauen nicht immer, aber oft hier genau vier Rollen offen: ignorante Tussi, ironischer Teilzeit-Fan, toughe Auskennerin und Sportopportunistin mit Hintergedanken (immerhin bestätigt eine Umfrage, dass zwei Drittel der männlichen Singles weibliche Fußballfans besonders attraktiv finden). Mitleid mit Frauen ist trotz allem bloß bedingt angebracht, denn solange Promi-Damen verkünden, dass sie bei der WM nicht auf Tore sondern häufigen Leiberltausch hoffen, muss man sagen: selber schuld.

Überhaupt ist zu viel unqualifiziertes Blabla die übelste Nebenwirkung einer WM. Wo man hinschaut, überall Leute, die sich zu Fußball äußern, obwohl sie weder Exprofi noch Sportjournalist, ja noch nicht einmal echter Fan sind. Nervig, das. Und an den nächsten vier Sonntagen genau an dieser Stelle zu finden.

ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2010)

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