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Violinkonzerte

Ein milder Zeitgenosse von Richard Strauss

Als Lehrer fix verankert im Wiener Musikleben der Ära um 1900, viel gespielt bis in die Dreißigerjahre, dann vergessen: Wie klingt die Musik des Komponisten Paul Grädener (1844−1929)?

Das Label Toccata arbeitet – unter anderem – die wienerische Musikgeschichte der Ära um 1900 auf. Nach der verdienstvollen Erstaufnahme von Julius Bittners Erster Symphonie kam nun eine CD mit den beiden Violinkonzerten von Hermann Grädener in den Handel. Wer war Hermann Grädener? Alle Musikfreunde, die an einer Erweiterung des Repertoires interessiert sind und Musik der Brahms- und Richard-Strauss-Generation mögen, werden hier fündig.

Jahrgang 1844, in Deutschland geboren, gehörte Grädener zum Wiener Musikleben um Johannes Brahms. Seine Musik, harmonisch reizvoll differenziert, aber nie über die romantischen Klangwelten hinaus forschend, kommt in der Einspielung durch die Geigerin Karen Bentley Pollick und das ukrainische Nationalorchester unter Gottfried Rabl wunderbar zur Geltung: melodisch, schwärmerisch, hie und da – etwa am dramatischen Beginn des Zweiten Konzerts – mit pathetischer Geste.

Beide langsamen Sätze (vor allem jener des d-Moll-Konzerts) erinnern in ihrer Schlichtheit sogar an die Frühromantik eines Mendelssohn. Wer also nicht immer das Brahms- oder Tschaikowsky-Konzert hören möchte, aber auf die Klangschwelgerei jener Ära nicht verzichten möchte, wird hier gut bedient. Und bekommt ein Beiheft mitgeliefert, das die Entstehung dieser Erstaufnahme in munterem Erzählton dokumentiert.

Wiener Musikfreunde fühlen sich in vergangene Tage versetzt, wenn Dirigent Gottfried Rabl, der ein notorischer Raritätenjäger ist und (für CPO) mit dem RSO Wien unter anderem sämtliche Symphonien von Egon Wellesz aufgenommen hat, seine stundenlangen Aufenthalte auf der Holzgalerie des längst aufgelassenen Antiquariats Doblinger beschreibt. Grädeners Partituren waren ihm dort bereits aufgefallen.

In der amerikanischen Geigerin Karen Bentley Pollick fand er eine engagierte Mitstreiterin, die beide Grädener-Konzerte für Privataufführungen mit Klavierbegleitung einstudierte und so begeistert von der Musik war, dass sie bald keine Noten mehr brauchte, sondern die Stücke auswendig beherrschte. Nach Herstellung eines spielbaren Orchestermaterials – keine kleine Herausforderung nach vielen Jahren der völligen Ignoranz – ging man in Kiew ins Studio und nahm die beiden jeweils knapp unter 40-minütigen Stücke auf.

Für neugierige Musikfreunde eine willkommene Gelegenheit, Musik jenes Mannes zu entdecken, zu dessen Schülern etwa Erich Wolfgang Korngold, Franz Schreker, Oscar Straus, Anton von Webern oder auch der spätere „Presse“-Kritiker Heinrich Kralik zählten. Bis in die Dreißigerjahre war Grädeners Œuvre in den Wiener Konzertsälen präsent – jetzt gibt es immerhin eine CD . . .

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2019)