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Das Kribbeln auf dem Golfplatz

Bernd Wiesberger möchte den positiven Schwung in die neue Saison mitnehmen.
Bernd Wiesberger möchte den positiven Schwung in die neue Saison mitnehmen.(c) APA/AFP/KARIM SAHIB (KARIM SAHIB)

Bernd Wiesberger blickt auf eine höchst erfolgreiche Comeback-Saison zurück. Für 2020 ist mehr Konstanz das Ziel, zwischen Major-Turnieren und Ryder Cup gerät Olympia zur Nebensache.

Wien. Fast genau vor einem Jahr gab Bernd Wiesberger auf Mauritius sein Comeback auf der European Tour. Damals lag eine siebenmonatige Zwangspause hinter ihm, wusste Österreichs Nummer eins nicht, wo sie steht. Der Kontrast hätte – nicht nur ob der ersten Schneeflocken – größer nicht sein können, als Wiesberger am Dienstag zur Saisonbilanz und Vertragsverlängerung mit Sponsor Raiffeisen in den City & Country Club Wienerberg lud. Drei Turniersiege (Dänemark, Schottland, Italien) und 3,99 Millionen Euro Preisgeld bedeuteten nicht nur das erfolgreichste Jahr seiner Profikarriere, als Dritter der europäischen Jahreswertung sowie 21. der Weltrangliste schrieb der 34-Jährige weitere Bestmarken.

„Wenn man das größere Bild betrachtet, überwiegt sicher die Freude. Wie sich die Saison entwickelte, war ein großartiges Erlebnis“, resümierte Wiesberger. Das Preisgeld fließt ins neue Eigenheim in Bad Tatzmannsdorf, sich selbst gönnte er „exzessives Shopping“, wie der Burgenländer verriet. Natürlich bedauere er, den Sieg im Race to Dubai im Finale vor zehn Tagen noch aus der Hand gegeben zu haben. „Aber die Parameter sind am Anfang ganz andere gewesen.“ Nach der langen Leidenszeit – der Sehnenriss im Handgelenk passierte ausgerechnet bei einem Kundenturnier Ende April 2018 – überwiege Dankbarkeit und Stolz über das gelungene Comeback.

 

Potenzial und Pausen

Welches Potenzial in Wiesberger noch schlummert, zeigt ein Blick auf die relevanten Kategorien der Statistik. Bei Fairwaytreffern (56,62 Prozent; Platz 121) liegt er unter dem Schnitt des Tour-Felds und wie bei der durchschnittlichen Schlagzahl (70,41; 38) unter seinem Wert der Saison 2017. Vom Tee steigerte er sich im Vergleich zwar auf 298,78 Yards (Platz 70), in den Anfangsjahren waren seine Drives aber noch länger. Natürlich sind diese Werte durch den verpatzten Auftakt (nur zwei geschaffte Cuts bei den ersten sieben Turnieren) getrübt, doch auch Wiesberger selbst hat mehr Konstanz als großes Ziel ausgegeben: „Die Besten haben kaum schlechte Wochen.“

29 Turniere und damit so viele wie zuletzt 2012 hat Wiesberger heuer gespielt, in der kommenden Saison möchte er sich mehr Pausen nehmen. „Das hat am Ende schon gezehrt, auch wenn ich versucht habe, jedes Turnier zu genießen.“ Die Erfolge und die höhere Setzung vereinfachen selbstredend die Planung für 2020: Der Weg mit Desert Swing, WGC-Turnier in Mexiko und Players Championship in Florida bis zum Masters steht. „Augusta ist ein Fixtermin, das liegt mir sehr am Herzen.“

 

Major-Sieg vor Olympiagold

Allen voran bei Major-Turnieren möchte Wiesberger nächstes Jahr seine Bilanz verbessern (derzeitiges Topresultat: 15. PGA Championship 2014), es wäre zugleich die beste Eigenwerbung für den Ryder Cup 2020. Die Top vier des Race to Dubai sowie die bereinigten Top fünf der Weltrangliste qualifizieren sich für das Team Europa, Kapitän Pádraig Harrington vergibt zudem drei Wildcards. Angesichts dieser Chancen rücken die Olympischen Spiele in Tokio in den Hintergrund. Keine Sekunde zögert Österreichs Nummer eins bei der Auskunft, Major-Sieg vor Olympiamedaille zu wählen. „Golf hat wenig Verbindung mit Olympia. Ich bin damit aufgewachsen, Tiger Woods in Augusta zu sehen.“ Noch will sich Wiesberger nicht festlegen, zudem sei die interne Konkurrenz mit Matthias Schwab (17. im Race to Dubai) und Sepp Straka (2019 erster Österreicher auf der PGA Tour) stark.

Bis zu seinem ersten Abschlag in Abu Dhabi (16. Jänner) genießt Wiesberger die Zeit mit Familie und Freunden – die letzten Tage aufgrund einer Verkühlung mit Tee auf der Couch. Ein paar Tage Skifahren, Geschenke einkaufen und Training würden die sieben turnierfreien Wochen schnell vergehen lassen. „Und dann ist das Kribbeln wieder da.“

KARRIERE IN ZAHLEN

Bernd Wiesberger, 34, ist seit 2006 Golfprofi und beendete die European Tour heuer als Gesamtdritter.

Weltrangliste: Als 21. ist er vor Matthias Schwab (81.) und Sepp Straka (204.) Österreichs Nummer eins.

Turniersiege: Er gewann heuer in Dänemark, Schottland und Italien (mit 1,06 Mio. Euro Preisgeld sein wertvollster Sieg), hält damit bei neun Titeln.

Preisgeld: 3,99 Mio. Euro in der vergangenen Saison, gesamt 14,13 Mio. Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2019)