Schnellauswahl
Film

Wie sich eine Boxerin durchs Leben schlägt

Ali (Alina ?erban) arbeitet unter anderem als Putzfrau, als sie für den Ring entdeckt wird.
Ali (Alina ?erban) arbeitet unter anderem als Putzfrau, als sie für den Ring entdeckt wird.(c) Gordon Timpen/ Dor Film

Das Boxerinnendrama „Gipsy Queen“ erzählt von einer alleinerziehenden Romni-Mutter, die in Hamburg um ihre Existenz kämpft. Tobias Moretti gibt ihren Kiez-Mentor.

Boxen haftet nach wie vor ein aggressives Image an: Wilde Stiere, die mit Felsenfäusten aufeinander eindreschen, Muskelberge im verbissenen Clinch, glühende Kampfmoral und eiserner Siegeswille. Beschäftigt man sich näher mit dem Sport, erschließen sich andere, nicht minder bedeutende Aspekte: Taktik, Beweglichkeit, Ausdauer, Abwehr. Aber ihr mangelnder Spektakelwert zwingt sie meist in den Hintergrund unserer Medienrealität.

Vielleicht ein Grund dafür, warum die Boxhelden des Kinos bislang überwiegend männlich waren: Berserker wie Robert De Niros „Raging Bull“ oder tapfere Underdogs wie Sylvester Stallones Selbstoptimierungsikone Rocky. Erst seit den Nullerjahren steigt die Zahl der Leinwandboxerinnen. Ein Markstein: Karyn Kusamas „Girlfight“ (2000). Darin schlägt sich eine rebellische Teenie-Latina (Michelle Rodriguez' bemerkenswertes Debüt) den Weg Richtung Erwachsenwerden frei. Und nun schickt der Filmakademie-Absolvent Hüseyin Tabak in „Gipsy Queen“ eine abgebrühte Romni in den Ring.

Wobei: Geboxt wird hier eigentlich nur nebenher. Zuvorderst soll „Gipsy Queen“, wie Tabak in Interviews betont, Frauen wie seiner Mutter ein Denkmal setzen. Frauen, die das Schicksal in ein fremdes Europa schleudert, wo sie ohne Starthilfe alles Menschenmögliche tun, um sich und ihren Kindern Zukunftspforten zu öffnen.

 

Vom Patriarchen der Familie verstoßen

Ihr Boxring ist das Leben selbst. Entsprechend viel Zeit verbringt der Film damit, Milieu, Geschichte und Probleme seiner Hauptfigur zu schildern. Ali (großartig: Alina Şerban) war in Rumänien ganzer Stolz ihres Vaters. Er wollte eine Star-Boxerin aus ihr machen, im Geist ihres Namensvetters Muhammad, ein strahlendes Vorbild für die Roma dieser Welt. Doch nach der Geburt eines unehelichen Kindes verstieß der Patriarch das Goldmädchen. Und dieses ging fort, um in Deutschland sein Glück zu suchen.

Leichter gesagt als getan: Als Putzkraft wird Ali ausgebeutet, in Notlagen bleibt nur schlecht bezahlte Schwarzarbeit auf dem Bau. Zugleich müht sie sich ab, zu Hause den Schein eines geregelten Alltags zu wahren, um Sohn und Tochter nicht zu belasten. Und tradiert dennoch den Druck der Vergangenheit, indem sie jede Unartigkeit ihrer Kinder mit besorgter Härte ahndet.

Ein Ventil für ihren Frust findet Ali ausgerechnet in der Kiez-Kneipe Zur Ritze, wo die Gläser nicht viel sauberer sind als die Aschenbecher – und der Keller ein Boxraum ist. Besitzer Tanne (wohl eine Hommage an den realen Ritze-Gründer, „Hanne“ Kleine) sieht zufällig, wie Ali den Sandsack poliert. Und gibt ihr eine Chance, sich im Ring zu bewähren. Mit Wumms und aufgesetzter St.-Pauli-Schnauze gibt Tobias Moretti diesen abgehalfterten Schwerenöter als Dreckskerl mit goldenem Herzen, dessen eigenes Scheitern verkapptes Mitgefühl nährt.

Als ein Top-Promoter auf die Quereinsteigerin aufmerksam wird und es boxtechnisch zur Sache geht, ist „Gipsy Queen“ fast schon vorbei. Denn mehr als für Genrekonventionen interessiert sich Tabak für die Beziehungen zwischen seinen Außenseiterfiguren, für ihren Daseins- und Abstiegskampf, auch für Momente des Zusammenhalts und der Freude. Das mäandert zwar, berührt aber auch, selbst wenn es nicht immer so lebensecht wirkt wie beabsichtigt – manchmal nimmt Melodramatik überhand.

Ein bisschen mehr Fokus auf Alis Boxbestrebungen hätte dramaturgisch sicher nicht geschadet. Aber dann wären wohl Erwartungen geschürt worden, die der Film gar nicht erfüllen will. Als er zu seiner letzten Plansequenz ausholt, ein Match um alles oder nichts, und diese Aufnahme minutenlang ausdehnt, weiter und weiter und weiter, da begreift man, dass es hier nicht ums Gewinnen geht, sondern ums Durchhalten – und um dessen Grenzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2019)