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Nordkorea

Kim errichtet ein „sozialistisches Utopia“

Nordkoreas Machthaber, Kim Jong-un, weiht ein Prestigeprojekt im verschneiten Norden ein.
Nordkoreas Machthaber, Kim Jong-un, weiht ein Prestigeprojekt im verschneiten Norden ein.(c) via REUTERS (KCNA)

Diktator Kim feiert Provinzstadt in den Bergen als Inbegriff moderner Zivilisation. Erbaut haben das Skiresort Zwangsarbeiter.

Tokio/Seoul. Diesmal ritt Nordkoreas Diktator nicht auf einem festlich geschmückten Schimmel ein wie noch vor wenigen Wochen, sondern ließ sich mit einer schwarzen Staatslimousine der Marke Mercedes vorfahren. Die Absurdität der Inszenierung mindert dies jedoch kaum: Kim Jong-un durchschnitt am „heiligen Berg“ Paektu feierlich ein rotes Band, um einen – im doppelten Wortsinn – „fantastischen“ Ort gebührend einzuweihen: Samjiyŏn, den „Inbegriff der modernen Zivilisation“, das „sozialistische Stadt-Utopia“.

Das bisher eher trostlose Bergdorf im Norden seines Reiches soll künftig als Aushängeschild des „real existierenden Sozialismus“ fungieren, verkündete der Machthaber mit großem Pathos, unter donnernden Hurrarufen und einem 30-minütigen Feuerwerk.

 

„Bestes Menschenparadies“

Eines seiner ihm treu ergebenen Politbüromitglieder, Choe Ryong-hae, toppte den Chef sogar und forderte großspurig, das Bauprojekt solle das „beste Menschenparadies der Welt“ werden. Etwas nüchterner betrachtet, ist gerade einmal die Verwandlung in eine „moderne bergige Stadt unter dem Zeichen des Sozialismus“ geplant, wie es Kim Jong-un und seine kommunistische Arbeiterpartei schon vor Jahren beschlossen hatten. Glaubt man der Propaganda des nordkoreanischen Regimes aufs Wort, erhält das weltabgewandte Land nun eine Super-City für 4000 ausgewählte Familien mit Skigebiet, schicken Hotels, zeitgemäßen Kultur- und Gesundheitseinrichtungen.

Der schöne Schein wird allerdings von ein paar hässlichen Fakten getrübt. Das Regime verschweigt geflissentlich, dass dieses als Prestigebau gedachte Projekt mehrere Jahre hinter dem Staatsplan liegt. Die internationalen Sanktionen wegen des Atomwaffen- und Raketenprogramms Nordkoreas sorgten immer wieder für empfindliche Engpässe bei der Versorgung mit Baumaterial. Flüchtlinge aus diesem selbst ernannten „Paradies der Werktätigen“, die jetzt in Südkoreas Metropole Seoul eine Emigrantenzeitung im Internet herausgeben, klagen Pjöngjang zudem an, Zwangsarbeiter eingesetzt zu haben.

 

Versklavte Jugendbrigaden

Weil sich das zivile Lieblingsobjekt von Kim Jong-un wiederholt verzögert hatte, beschloss der Diktator nämlich, sogenannte Jugendbrigaden an die Baufront zu entsenden. Diese „Freiwilligen“ werden zumeist nicht entlohnt, erhalten nur miserable Verpflegung und Unterkunft. Die Arbeitsbedingungen werden von Augenzeugen als katastrophal geschildert. Republikflüchtlinge und ausländische Menschenrechtsaktivisten sprechen sogar von Zwangs- oder auch Sklavenarbeit.

Offiziell wird den jungen Leuten als Ansporn in Aussicht gestellt, bei sehr guten Arbeitsleistungen in die Staatspartei aufgenommen zu werden. Besonders Fleißige sollen nach dem Einsatz später bevorzugt an einer Universität studieren dürfen. Zudem wurden Bauern aus dem angrenzenden Landkreis zur Arbeit an der sozialistischen Prestige-City gezwungen, wie Provinzzeitungen immer wieder zwischen den Zeilen durchblicken lassen.

Kim Jong-un lässt das Samjiyŏn-Projekt offenbar mit allen Mitteln durchziehen. Der Machthaber will der Welt augenscheinlich beweisen, dass sein Regime den internationalen Sanktionen trotzen kann. Statt Hunger und Mangel, wie sie außerhalb der Nomenklatura-Hauptstadt Pjöngjang an der Tagesordnung sind, möchte der Diktator zeigen, dass sich Nordkorea nicht nur militärische Stärke, sondern auch aufwendige Bauvorhaben leisten kann.

 

Geboren unterm Regenbogen

Hinzu kommt, dass die Kim-Dynastie die Gegend um den Berg Paektu von der Propagandamaschine als heiligen Familiengral verherrlichen lässt. Erst vor wenigen Wochen galoppierte der Machthaber auf einem Schimmel durch verschneite Winterwälder auf den schneebedeckten Gipfel – medienwirksam im Staatsfernsehen und auf Fotos verbreitet. „Sein Ritt auf den Berg Paektu ist ein großer, bedeutungsvoller Moment in der Geschichte der koreanischen Revolution“, jubelte die amtliche Nachrichtenagentur KCNA.

Bilder wie diese sollen den leidgeprüften Nordkoreanern suggerieren, dass der Paektu den Machtanspruch der Kim-Clique auf Ewigkeit symbolisiert. Angeblich kam hier der 2011 verstorbene Diktator Kim Jong-il, Sohn des Staatsgründers Kim Il-sung, zur Welt. Der Legende nach begrüßte den künftigen Herrscher im Augenblick der Geburt ein doppelter Regenbogen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2019)