Erhalten. Das Haus „Obd’r Lech“ steht in Oberlech. Die Revitalisierung realisierte das Büro Hein Architekten.
Fotografie

Architektur in den Alpen: Schöner Blick, kritische Sicht

In den Alpen ist die Natur der Kulissenbauer, der Architekt der Szenenbildner. Und David Schreyer ein Architekturfotograf, der auch einmal kritisch beäugt, was er so sieht.

So viele Bilder. Allein jene, die man im Kopf hat. Dazu kommen noch all die anderen, die einem plötzlich vor Augen geführt werden. Wenn man etwa durch die Alpen fährt oder wandert. Im Idealfall sind Landschaft und Architektur Kooperationspartner. Im Normalfall aber leidet oft die eine unter der anderen. Auch in Tirol muss man viel gebaute Umwelt ausblenden, um den unverfälschten Blick auf die Kulisse, die Berge zu haben. Für Architekturfotografen gehört das Ausblenden des Unattraktiven und Einblenden des Imposanten auch zur Jobroutine. Vor allem, wenn auch ein schönes Buch dabei rauskommen soll: wie etwa „Traumhafte Häuser in den Alpen", das zuletzt im Callwey Verlag erschienen ist. Es zeigt, wie raffiniert Gestalter das Außen mit dem Innen überblenden, das Traumhafte – die Landschaft –hinein bis zum Kaminfeuer saugen, wie alte Dachbalken und neue Sichtweisen nicht konkurrieren, sondern verschmelzen dürfen innerhalb des Konzepts. Und inmitten des riesigen Alpenbogens. Eine Kultur-Natur-Landschaft, die gerade Baukultur regional ganz unterschiedlich auslegt.

Aussicht. Die Landschaft bis zum Kaminplatz hereinholen:
Aussicht. Die Landschaft bis zum Kaminplatz hereinholen: gelungen.(c) David Schreyer

Sichtweisen. Auch der Tiroler Fotograf David Schreyer hat zwei Projekte fotografiert, die sich in den gestalterischen Bogen der „Traumhaften Häuser in den Alpen" einreihen. Der Band versammelt Idealsituationen, die viel von dem zeigen, wie man Alpen und ihre Architektur so gern sehen möchte. Mitsamt der Klischeedekoration von Bankerln und Jausenplatzerln. Idealsituationen sind es aber auch, dessen ist sich Schreyer bewusst, weil sie Projekte zeigen, bei denen Menschen mit baukultureller Haltung für Menschen bauen, die sich baukulturelle Haltungen leisten können. Und das noch dazu an Orten, die selbst Idealsituationen sind. Weil sie sich in jede Richtung auf landschaftlich Spektakuläres beziehen dürfen.

Doch in den alpinen Alltagssituationen, da muss auch Schreyer, als sensibler Empfänger ästhetischer Signale, vor einigem die Augen verschließen. „Doch in Wörgl, wo ich gerade wohne, halte ich es trotzdem ganz gut aus. Man muss eben auch verstehen, warum die Entscheidugen getroffen wurden, die dazu geführt haben, dass die Stadt heute so aussieht, wie sie ist." Fast so systematisch und großflächig wie Wälder und Berggipfel überziehen auch unglückliche gestalterische Entscheidungen Tirol. Genau diesen hat Schreyer schon einmal eine Fotoserie gewidmet, „dabei ging es um die Bausünden". „Kreaturen" hatte er sie genannt, abbrechen musste er abrupt. „Es war einfach zu deprimierend." Schreyer lässt sich lieber vom Schönen rühren als vom ästhetisch Verunfallten.

Idealsituation. Das „Haus zwischen den Bergen“, von Gangoly & Kristiner Architekten im Ausseerland.
Idealsituation. Das „Haus zwischen den Bergen“, von Gangoly & Kristiner Architekten im Ausseerland.David Schreyer

Nicht so sehr aus Sentimentalität, eher aus Lust an der Dokumentation und der fotografischen Analyse, spürt er gerade dem „Land" in seinem Land, Tirol, nach. Auch wenn viel urbanisierte Siedlungssuppe drübergeschwappt ist, Schreyer entdeckte sie noch, in Schwarz-Weiß, die Einschlüsse der Ursprünglichkeit. „Seit 2016 fahre ich mit dem Fahrrad durch die Gegend, weil ich beschlossen habe, die Reste des Tiroler baukulturellen Erbes aufzuspüren", erzählt Schreyer. Bedrohte Häuser, gefährdete Architekturen. Manchmal steigt er dafür auch zu den wenigen alten Almen hinauf. Auch um sein „Land" den Fotoklischees und der Landschaftskulissen-Szenografie bewusst zu entziehen. Und einer archaischen Logik des Bauens auf den Grund zu kommen. „Man muss ja auch immer verstehen, unter welchen Bedingungen die Architektur entsteht", sagt Schreyer, der selbst Architektur studiert hat. So erfährt er auch vom Bauern, warum alte Kuhställe nicht unbedingt Fenster haben. Denn so lassen sich die klimatischen Bedingungen besser regulieren, und die Insektenpopulation ebenso.

Wie gemalt. So verbreitet in den Alpen wie die gestalterischen Klischees: die Selbstbeschwörung, das kollektive Seufzen à la „Ach, haben wir’s nicht schön". Doch so einfach möchte Schreyer diesen Gestus mit fotografischen Idealisierungsmaßnahmen nicht unterstützen. Lieber hält er sich an Projekte, bei denen sich Berufsethos und baukulturelle Haltung des Architekten deutlich spüren lassen. Wie etwa im dem Haus „Obd’r Lech". Ein Revitalisierungsprojekt eines Hauses, dessen Gründungsbau bis in das Jahr 1393 zurück dokumentiert ist. Von „einsturzgefährdet" auf „gestalterisch wegweisend" hat es der Bregenzer Architekt Matthias Hein gedreht, auf die Erhaltung von Bausubstanz und Historie gepocht. Der Bauherr spielte mit. Und das wurde auch mit einem ZV-Bauherrenpreis 2019 gewürdigt. Natürlich steht das Haus in einer Umgebung, die reflexartig „malerisch" genannt wird. Doch das Gesamtbild der Alpen, das zeichnen die Architekten mit – auch mit ihrer gestalterischen und sozialen Verantwortung.

Tipp

„Traumhafte Häuser in den Alpen". Von Andreas K. Vetter, erschienen im Callwey Verlag.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 06.12.2019)