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Gastkommentar

Für ein Pflichtfach Informatik

Ein Aufruf. Was vor gut 250 Jahren die Einführung der Schulpflicht war, sollte heute der verpflichtende Informatikunterricht sein.

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Als Maria Theresia 1774 die Schulpflicht einführte, wird sich manch einer an den Kopf gegriffen haben. Wozu sollen eine Magd oder ein Tagelöhner rechnen, lesen oder gar schreiben können? Heute ist uns klar: Die Bildung muss sich gesellschaftlichen Anforderungen und Veränderungen anpassen. Und wenn Österreich diesen damals mutigen Schritt nicht getan hätte, wäre uns viel Fortschritt und Wohlstand entgangen.

Heute greife ich mir an den Kopf. Meine Tochter bekommt in der Oberstufe vier Jahre lang neun Wochenstunden Deutsch- und Fremdsprachenunterricht, also insgesamt 36 Stunden. Das ist positiv. Sie bekommt auch vier mal zwei Stunden Religionsunterricht. Ebenso positiv. Jedoch bekommt sie nur in der fünften Klasse eine Stunde Informatik. Und das ist furchtbar! Die große Veränderung der letzten Jahrzehnte ist die digitale Transformation der Gesellschaft durch Computer, Internet und Handy. Die wichtigsten Kenntnisse, um damit umzugehen, werden aber kaum vermittelt. Warum hat sich die Bildung an diese Veränderungen nicht angepasst?

Informatik im Turnsaal

So wie damals der Erwerb der Fertigkeiten von Lesen, Schreiben und Rechnen für jede(n) zur Pflicht wurde, muss heute jede Schülerin und jeder Schüler Informatik lernen. Wer hier mit Grauen an Kindergartenkinder mit Tablets denkt, versteht mich falsch. Es geht nicht darum, Kindern den Umgang mit Tablets, Textverarbeitung und Tabellenkalkulation nahezubringen – das lernen sie von selbst.

Informatik ist vielmehr das Verständnis dafür, welche Probleme man mit einem Computer überhaupt lösen kann, wie man schwierige Aufgaben in kleinere Teile zerlegt, sie abstrahiert und löst. Informatik zu verstehen bedeutet auch zu wissen, wo die Beschränkungen von Computern liegen und was Menschen besser können als Computer. Informatik ist interdisziplinär – sie fragt, wie man mit Daten unser Gesundheitssystem verbessert, wie man früher bemerkt, dass eine Kuh krank ist, oder wie man das Onlineverhalten von großen Menschengruppen beeinflusst. Und ob das gut oder böse ist.

Entscheidend bei Informatik sind die Ideen und nicht die Geräte. Die Informatik erlaubt uns, Probleme zu lösen, die wir vorher nicht bewältigen konnten. Sie befreit unsere Fantasie. Informatik kann man im Kindergarten im Turnsaal unterrichten (Stichwort „CS unplugged“), in der Volksschule mit kleinen Robotern und in der Oberstufe am Computer. So bringt man Kindern die Fähigkeiten bei, die sie brauchen, um in der digitalen Welt nicht nur Konsumenten, sondern kreative, aktive Bürger zu sein.

Nur so stellen wir sicher, dass unsere Gesellschaft nicht durch große US-amerikanische und chinesische Firmen geformt wird, sondern wir die Gesellschaft selbst gestalten, mit unseren Werten.

Informatik statt Latein

Also: Informatik muss ein eigenes Pflichtfach in jeder Klasse einer NMS oder eines Gymnasiums werden. Und weil die Welt nicht stillsteht, sollte diese Maßnahme sofort umgesetzt werden. Deshalb hier ein konkreter Vorschlag: Ab dem Schuljahr 2020/21 unterrichten wir in der Oberstufe drei Wochenstunden Informatik. Dazu reduzieren wir Latein bzw. die zweite lebende Fremdsprache um zwei Stunden und Religion um eine Stunde. In der Unterstufe finden wir eine ähnliche Lösung. Nur so machen wir Österreich fit für die digitale Zukunft.

Roderick Bloem ist Gründungsmitglied von Informatik Austria, dem Netzwerk der Informatikfakultäten der heimischen Universitäten. Der Universitätsprofessor forscht und unterrichtet seit 2002 an der TU Graz, wo er Dekan der Fakultät für Informatik und Biomedizinische Technik ist.

E-Mails an: debatte@diepresse.com[Q0DSA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2019)